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  • Klausurrelevante Fragen (WiSe 2009-10)
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Zur Vorlesung Ethnologie: die Wissenschaft vom kulturell Fremden

Womit beschäftigt sich die Ethnologie, was sind ihre Anliegen, und was ihr Gegenstand der Untersuchung?

  • Ethnologie ist die Wissenschaft vom kulturell Fremden
  • grenzüberschreitende Wissenschaft
  • Ziel: Menschliches Verhalten und Kultur in ihrer Verschiedenartigkeit zu erklären
  • Gegenstand: Naturvölker, schriftlose, außereuropäische Kulturen, Subkulturen (Problematisierung der Begriffe)

Was ist das problematisch am Begriff Naturvölker und weshalb hat man sie so genannt?

  • Natur wird als Gegensatz zu Kultur verstanden, daher spricht die Bezeichnung Naturvölker diesen eine kulturelle Identität ab
  • Ausblendung der Tatsache, dass alle Gesellschaften von der Natur abhängig sind.

Nennen Sie Unterschiede zwischen Ethnologie und Ethnographie, und die Bedeutungen und Herleitungen der beiden Begriffe!

  • Der Begriff Ethnographie leitet sich von den beiden griechischen Wörtern Ethnos (Volk) und Graphein (Schreiben) ab
  • Der Begriff Ethnologie leitet sich von den beiden griechischen Wörtern Ethnos (Volk) und Logos (Wissenschaft) ab
  • Ethnographien sind daher reine Völkerbeschreibungen, die im Gegensatz zu Ethnologien keinen abstrahierenden Charakter haben. Ethnographien beschreiben, während Ethnologie als Wissenschaft aus diesen Beschreibungen bestimmte Schlüsse zieht.

Was versteht man unter Lehnstuhlethnologen? Nennen Sie drei solche Ethnologen und deren Schwerpunkte

Mit welchen Bedeutungen wurden die Begriffe Ethnos, Ethnie und ethnisch mit der Zeit verwendet?

  • Ethnos ist der griechische Begriff für Volk
  • ethnisch leitet sich vom griechischen Wort Ethnikos (der Andere) ab; bezeichnet eine Minderheit
  • Ethnie hat im Deutschen das Wort "Volk" abgelöst und bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die gemeinsame kulturelle Merkmale besitzen, wie z.B. Glaube, Name, Abstammung, Mythen, Sprache... (Haller 2005)

Was charakterisiert die ethnologische Methode?

Ab wan begann man in den Beschreibungen anderer Völker Kritik an der eigenen Gesellschaft zu üben?

  • erste Zivilisationskritik bei den Römern mit Tacitus → Germanen als Gegensatz zu römischer Dekadenz

Was versteht man unter Ethnozentrismus?

  • andere Kulturen werden in den Kategorien der Eigenen betrachtet und anhand derselben Wertvorstellungen bewertet
Zur Vorlesung Von der frühen Neuzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Was versteht man unter imaginärer und unter inverser Ethnographie?

  • imaginäre Ethnographien tauchen zu einer Zeit auf, als es noch keinen oder nur sehr eingeschränkten Kontakt zu fremden Völkern gab, sie spiegeln die Vorstellungen ihrer Verfasser über die "Fremden" wieder
  • die Art und Weise, wie man sich das Fremde vorstellt, es beschreibt und bewertet verrät viel, über die Kultur des Verfassers, in diesem Zusammenhang werden die Begriffe imaginäre und inverse Ethnographie synonym verwendet
  • inverse Ethnographie: das Beschreiben der eigenen Kultur durch die Beschreibung des Fremden.

Welche Entwicklungen charakterisieren die Zeit um das 16-18Jh.?

  • Aufbruch Europas in die Moderne.
  • Entstehung der Nationalstaaten in Europa.
  • Verstärkte Reisetätigkeit in Europa und Asien.
  • Zeit der überseeischen Entdeckungen und Eroberungen.
  • Entwicklung eines pluralistischen anthropozentrischen Weltbilds, Wissenschaften entstehen (Naturwissenschaften, Medizin), Geburt der modernen Philosophie.
  • Kirche verliert Monopol der Weltauslegung (Bibel bislang Dogma der Menschheitsentstehung).

Welche drei Tendenzen sind in den Ethnografien der frühen Neuzeit zu finden?

Nennen Sie Autoren, und ihre Anliegen, die zur frühen Neuzeit über Indianer schrieben!

  • Bartolomé de las Casas, Missionar, setzt sich für die Rechte der Indianer ein, Beschreibung als "edle Wilde", beschreibt Menschenopfer als authentische religiöse Sitten.
  • Bernadino de Sahágun, begreift sich als Arzt, der die lokale Kultur heilen will; bedient sich früher Formen der Polyphonie (lässt Indigene sprechen), verfasst seine Werke in indigener Sprache.
  • Fernández de Oviedo, erkennt im Indianer das Schlechte der eigenen Gesellschaft, "böse Wilde", Legitimation spanischer Herrschaft

Weshalb wertete man fremde Gesellschaften auf bzw. ab?

  • Abwertung zum Zweck der einfacheren Rechtfertigung der Unterwerfung bzw. Auslöschung fremder Völker, sie verkörpern das Schlechte der eigenen Gesellschaft.
  • Aufwertung zum Zweck der Kritik an der eigenen Gesellschaft (anhand eines durch die Aufwertung noch verstärkten Kontrasts), speziell dann, wenn die eigene Gesellschaft als dekadent empfunden wird.

Weshalb tauchen in den frühen Ethnographien Monster oder Fantasiefiguren auf?

  • Viele europäische Ethnographen dachten der Rand der Welt sei von Monstern bewohnt und stießen mit der Beschreibung von Monstern und Phantasiefiguren auf eine dem entsprechende Erwartungshaltung bei ihrem Publikum.

Lassen sich die Ungerechtigkeiten, die den Indianern zu jener Zeit angetan wurden, erklären?

  • Überlegenheitsgefühl der Kolonisatoren.
  • Abschreckung zur Festigung der eigenen Herrschaft.
  • Indianern wird Menschsein abgesprochen.
  • der christlicher Glaube (verlorene Stämme, Genesis Kapitel 10, Noahs Stammtafel (Verse 4-5) -nach Ricardo).
  • wirtschaftliche Ausbeutung.
Zur Vorlesung Evolutionismus

Was charakterisiert das Jahrhundert, in dem der Evolutionismus bedeutsam war, und wo war er besonders ausgeprägt?

  • 19 Jh. in England
  • Fortschrittsglaube angesichts des
    • massiven technischen Fortschritts (industrielle Revolution)
    • Fortschritts der Naturwissenschaften
    • Evolutionstheorie Charles Darwins
  • Positivismus
  • (Britischer) Imperialismus

Nennen Sie drei wichtige Vertreter des Evolutionismus und ihre Hauptanliegen!

  • Tylor, Edward Burnett, geht von Universalgeschichte der Menschheit aus, Entwicklung der Religion (Animismus, Polytheismus, Monotheismus; Erforschung der Vergangenheit notwendig für Erklärung der Gegenwart, Vater der britischen Kulturanthropologie, führt die vergleichende Methode ein
  • Frazer, James George, geht ebenfalls von Universalgeschichte aus (Magie, Religion, Wissenschaft); wichtiges Werk: "The Golden Bough"
  • Lewis Henry Morgan, Vater der Verwandschaftsethnologie und Vorläufer der amerikanischen Kulturanthropologie, Entwicklung der Verwandschaftssysteme (Promiskuität, Klanexogamie, Patriarchale Familie, Monogamie) (Haller 2005)

Was sind Dreistufenmodelle und welche Entwicklungen wollten die verschiedenen Theoretiker damit erklären?

  • Dreistufenmodelle gingen davon aus, dass sich die von den Evolutionisten postulierte Weiterentwicklung in jeweils drei Stufen abspielte, wobei die eigene Kultur bereits die höchste Stufe erreicht habe.
  • es gibt viele verschiedene Dreistufenmodelle, ein Beispiel ist das von Lewis Henry Morgan, der die drei Stufen der Menschheitsentwicklung in "Wildheit", "Barbarei" und "Zivilisation" ausgemacht zu haben meinte

Welche Kritikpunkte lassen sich gegen den Evolutionismus vorbringen?

  • Geht vom eurozentrischen Grundgedanken aus, dass der Westen am höchsten entwickelt ist und keine grundsätlichen Entwicklung mehr durchmachen wird
  • Der Evolutionismus ist realitätsfern und nicht mit Fakten belegt
  • Der Ablauf einer von tatsächlichem menschlichen Handeln wesentlich unabhängigen Universalgeschichte ist nicht zu belegen

Warum ist das Konzept des Evolutionismus für die Ethnologie bedeutsam?

Wer brachte das Konzept der Rasse ein, und was versteht man darunter?

  • Immanuel Kant proklamiert das Konzept der Rasse
  • Die Idee besagt, dass Menschen sich nach äußeren Merkmalen in Rassen einteilen lassen und die Angehörigen dieser Rassen auch bestimmte Charaktereigenschaften teilen
Zur Vorlesung Deutsche Ethnologie

Was macht einen sakralen König sakral und wie erklären Sie sich den Königsmord?

  • Ein sakraler König ist ein König, der übermenschliche Fähigkeiten oder Eigenschaften beansprucht. Er gilt zumeist als Inkarnation der Gottheit oder von göttlicher Abkunft. Als solcher ist er Garant für die Zuwendung der Götter oder Mittler zwischen Gott und Mensch. Er unterliegt strengen Tabus. (wikipedia "Gottkönig")
  • According to Frazer, the sacred king represented the spirit of vegetation. He came into being in the spring, reigned during the summer, and ritually died at harvest time, only to be reborn at the winter solstice to wax and rule again. (wikipedia "sacred king")

Worüber waren sich Adolf Bastian und Friedrich Ratzel so uneinig?

  • Bastian, Adolf war Evolutionist , während Ratzel, Friedrich ein Vertreter des Diffusionismus war
  • Bastians These: alle Menschen haben psychische Gemeinsamkeit, deshalb Entwicklung von Ideen, Glaubensvorstellungen und Bräuche zu verschiedenen Zeiten bei verschiedenen Völkern immer wieder gleich
  • Ratzels These: Ähnlichkeiten von Kulturen sind auf Diffusion zurückzuführen, Kulturelemente verbreiten sich

Nennen sie drei Annahmen/Thesen des Diffusionismus!

Die Grundannahmen des Diffusionismus sind:

  • Das Auftauchen von gleichen Kulturelementen in verschiedenen Kulturen beruht auf Diffusion. Diese geschieht vermittels Völkerwanderungen, Handels- und anderer Kulturkontakte und geht von einem gemeinsamen Ursprungsort aus
    • kulturelle Phänomene sind hochgradig konstant, so dass zeitliche Abläufe ("Kulturwanderungen")in der Vergangenheit aus räumlichen Verteilungsmustern in der Gegenwart rekonstruierbar sind
  • Innovationen / Erfindungen sind relativ selten
  • kulturelle Konvergenzen (parallele Erfindungen der gleichen Sache) sind zu vernachlässigen
  • Kulturen sind aus Elementen zusammengesetzt, die sich voneinander trennen und neu kombinieren lassen. Kultur wird also hochgradig atomistisch, unter Vernachlässigung jedes Kontextes aufgefasst.

Was verstand Frobenius unter Paideuma?

  • Paideuma ist die "Seele" einer Kultur
  • siehe Paideuma

Was sind Kulturkreise?

Wofür wurde die Kulturkreislehre insb. Graebners und Ankermanns kritisiert?

  • zu schematische und deduktive Vorgehensweise, pseudohistorische Rekonstruktionen (wikipedia "Kulturkreis")
  • Graebners meist zitierte Quelle ist ein gewisser Christoph Meiners, deutscher Philosophieprofessor, einer der Urheber der kulturellen Bewertung von
    Rassen, welche eine Wiege der Auffassung vom Herrenmenschen eines Adolf Hitlers darstellt.
  • Vorstellung von Kulturkreis impliziert "Reinheit" einer Kultur, wie sie auch in der Rassenlehre des Nationalsozialismus zu finden ist

Worum ging es Frobenius bei seiner Äthiopen- und Hamitentheorie eigentlich?

  • Frobenius verglich die Äthiopen mit den Hamiten und kam zum Ergebnis, dass die Äthiopen beseelt, organisch und lebendig, und die Hamiten strukturell, intellektuell und erstarrt sind
  • dann identifizierte er Deutschland und Russland mit den Äthiopen und Frankreich und England mit den Hamiten und verfolgte damit "urdeutsche Ziele";

Was macht Richard Thurnwald zu einem wichtigen Ethnologen, und was ist problematisch an ihm?

  • Thurnwald begründet eine Art deutschen Funktionalismus, indem er sich auf die Funktionen, die gesellschaftliche Institutionen für die Kultur zum Zeitpunkt der Beobachtung haben konzentriert
  • er entfernt sich somit vom Evolutionismus und auch vom Diffusionismus, da sich Kulturen flexibel selbstständig verändern könnten, Werte anderer Kulturen selbst auslegen könnten und sich nicht entwickelt müssten (Referat)
  • Thurnwald veröffentlichte eine Art Installations- und Gebrauchsanweisung für das südafrikanische Apartheidsystem (dtv Atlas Ethnologie)
Zur Vorlesung Amerikanische Kulturanthropologie

Was waren die Hauptanliegen des Gründungsvaters der amerikanischen Kulturanthropologie?

  • der "Vater" der amerikanischen Kulturanthropologie ist Franz Boas
  • er vertritt den Kulturrelativismus, also die These, dass Kulturen nur aus sich selbst heraus erklärbar seien
  • sowie den Historischen Partikularismus, also die These, dass jede Kultur einzigartig sei und ihre eigene Geschichte hätte

Welche Ethnologen befassten sich mit Kulturkomplexen?

Sind Kulturkreise und culture areas dasselbe?

  • ja (Ricardo)

Nennen sie einige Charakterisitiken des südostafrikanischen "cattle complex".

Mit welchen Themenbereichen befassten sich Boas Schüler erster Generation im Gegensatz zu denen der zweiten Generation?

  • Boas Schüler der ersten Generation befassen sich u.a. mit der Definition von Kultur, Kulturkomplexen und der Rolle der Sprache
  • Boas bedeutendste Schülerinnen der zweiten Generation waren Benedict, Ruth und Mead, Margaret
  • diese beiden beschäftigten sich hauptsächlich mit "Culture and Personality Studies"
  • dabei geht es um Kulturdeterminismus (im Gegensatz zum biologischen Determinismus), also um die These, dass die Kultur die Persönlichkeit beeinflusst

Worum geht es bei der Sapir-Whorf-Hypothese?

Hypothese:

  • entwickelt von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf
  • exemplifiziert das linguistische Relativitätsprinzip: Sprache beeinflußt Denken und Weltbild (Beispiel: Begriffe für Schnee)
  • Basiert auf Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt : individuelle Sprachen bilden einen Genius aus, i.e. das nichtrationalisierte Wesen der Sprache gewährt Einblick in das Leben des menschlichen Geistes (Geschichte, Fortschritt, Evolution)
  • Es gibt kein Denken ohne Sprache (Sprache dient nicht dazu, einfach nur Kommunikationsprobleme zu lösen)
  • Gesellschaften leben also in verschiedenen Welten: Keine zwei Sprachen sind so ähnlich, dass sie ein gleiches Gefühl für die Welt wiedergeben und als Repräsentanten derselben Wirklichkeit gelten können

Kritik:

  • 1. dies ist empirisch nicht zu beweisen, und Sprecher einer Sprache sind in der Lage, verschiedene Konzepte zu entwickeln
  • 2. die Hypothese beist sich in den Schwanz: wenn sie stimmt, gilt dies auch für sie selbst, d.h. sie unterliegt selbst der Determiniertheit des Denkens durch die Sprache und ist nicht falsifizierbar.

Verdienst

  • Die Hypothese zeigt die komplexe Verflechtung und Wechselwirkung von Sprache, Denken und Wirklichkeit auf und dass Sprache einen Einfluß auf das Denken hat. Dies ist als schwache Hypothese nicht umstritten.

Was versteht man unter dem Begriffspaar emisch und etisch?

  • etisch: Blick von außen
  • emisch: Blick von innen
  • analog zu phonetisch/ phonemisch

Nennen Sie das Hauptwerk von Benedict, Ruth, und worum es darin geht (3-4 Sätze)!

  • (vermutlich meint Frau Röschenthaler damit) "Patterns of Culture"
  • das Buch zeigt anhand von 3 ausgewählten unterschiedlichen Kulturen, die im Kontrast zur amerikanischen Kultur betrachtet werden, die intrinsische Verflochtenheit von Persönlichkeit und Kultur (menschliches Verhalten ist kulturell determiniert, weswegen Kulturen dauerhafte soziale Muster ausprägen)
  • ihr Buch ist ein Beispiel für die Culture and Personality Studies.

Weshalb wurde Margaret Meads Buch "Coming of Age in Samoa" kritisiert?

Zur Vorlesung Durkheimschule

Nennen Sie drei Wissenschaftler, die sich im frühen 20. Jh. mit ethnologischen Themen befaßten!

Was charakterisiert die Durkheimschule?

Nennen Sie die wichtigsten Anliegen von Durkheim, Émile und was er darunter verstand!

Durkheims zentrale Thesen sind:

  • soziale Tatsachen** sind das Individuum in bestimmten Situationen determinierende Arten zu Handeln, zu Denken und zu Fühlen (z.B.Sitten und Bräuche, Religion, Familie, das Recht, politische Institutionen)
  • soziale Tatsache der Religion
    • Einteilung aller Dinge in entweder sakral oder profan
    • Gedanke der Dualität wird von Robert Hertz weiterentwickelt und findet sich später im Strukturalismus eines Leví Strauss
  • Unterscheidung mechanische und organische Solidarität
  • Kollektivbewusstsein Ist der überindividuelle normative Bereich (Normen, Regeln, Moralvorstellungen), an dem sich das Verhalten des Einzelnen ausrichtet. (Röschenthaler)
    • „Gesamtheit der Glaubensvorstellungen und Gefühle, die allen Mitgliedern derselben Gesellschaft gemeinsam sind" (Durkheim: De la division du travail social)

Womit beschäftigte sich Mauss, Marcel in seinem Hauptwerk?

  • Mauss Hauptwerk ist "Die Gabe" (Essai sur le don)
  • Darin geht es um zwei komplexe Tauschsysteme, den agonistischen Potlatch der Nordwestküstenindianer, sowie den friedliche Kula-Tauschring der Melanesier. Bei beiden gibt es eine Verpflichtung zur Reziprozität, die Mauss mit der Maori-Vorstellung des "hau" erklärt und die aufgrund des Umfangs des Austausches die gesamte Gesellschaft einbindet und zusammenhält.
  • Diese Tauschsysteme charakterieisert Mauss daher als totale soziale Tatsachen

Warum sind binäre Oppositionen so einleuchtend?

Vermutung zu dieser unfassbar konkreten Frage:

  • In starken Kontrasten lässt sich leicht denken. Ebenso wie man Schwarz auf Weiß besser lesen kann als Rosa auf Rot, lassen sich Gedanken in binären Oppositionen leichter denken und formulieren.
  • Es ist schwer sich über bestimmte Gegensatzpaare hinaus einen dritten Fixpunkt zu denken, der nicht eine Funktion der ersten beiden ist

Wer schrieb über "rites de passage" und was charakterisiert diese?

Weshalb wurde das Konzept des prälogischen Denkens so stark kritisiert?

  • Lévi-Bruhl: es gibt zwei koplementäre Arten zu denken: Das "Zivilisierte Denken und das "prälogische Denken", wobei das eine dem anderen nicht unterlegen sei
  • problematisch: eurozentrischer Begriff der Logik (obgleich er auch in "Hochkulturen" durchaus Aspekte prälogischen Denkens fand, vor allem im religiösen Denken)
  • Kritiker glauben, Bruhl impliziere ein "primitives, unlogisches" Denken

Was ist das Besondere an Balandier, Georgess Themenschwerpunkten?

Aus welchem Grund kritisierte Michel Leuris Marcel Griaule?

  • Michel Leiris war Sekretär und Archivar von Marcel Griaules Dakar-Djibouti-Expedition
  • Leiris schreibt in "L'Afrique fantôme" ("Phantom Afrika") die Sammlung tausender Objekte sei ein "abenteuerlicher Raubzug im Namen der Ethnologie" (Folie Röschenthaler)
  • diese Veröffentlichung führt zum Bruch mit Griaule
Zur Vorlesung Britischer Funktionalismus

Erläutern Sie den Begriff Funktion, welche Rolle spielt er in Malinowskis theoretischem Ansatz?

  • Die Frage wie Funktion zu verstehen sei wird von den beiden Gründervätern der britischen Social Anthropology Malinowski, Bronislaw und A.R. Radcliffe-Brown unterschiedlich beantwortet
    • Für Malinowski ist "Funktion" die Erfüllung von Grundbedürfnissen ("basic needs")der Individuen durch bestimmte Institutionen (Sitten, Bräuche, Rituale usw.)
    • die menschlichen Bedürfnisse unterteilen sich wiederum in drei hierarchisch angeordnete Bereiche:
      • physische Bedürfnisse (basic needs)
        • z.B. Ernährung, Fortpflanzung, Sicherheit usw.
      • instrumentell kulturelle Bedürfnisse
        • Organisation der Wirtschaft, soziale Kontrolle, Erziehung, politische Organisation
      • symbolische und integrative Bedürfnisse
        • Kontrolle des Schicksals/Glücks, Gemeinschaftsleben

Wie lässt sich die Beziehung zwischen Radcliffe-Brown und Malinowksi beschreiben und welche Rolle spielten sie für die britische Social Anthropology?

  • die beiden gelten als Gründerväter der britischen Social Anthropology, sie sind inspiriert von den Werken Durkheim, Émiles und dessen Metapher von Gesellschaft als Organismus (R.B. mehr als Malinowski)
  • sie bezichtigten sich gegenseitig der falschen Lehre, da sie zwei Spielarten des Funktionalismus vertraten (Malinowski: Funktionalismus bezogen auf das Individuum, R.B.: Strukturfunktionalismus bezogen auf das gesellschaftliche Ganze)
  • dennoch gegenseitige Anerkennung (Radcliffe-Brown unterstützt Malinowskis Methode)

Was war das Neue am Ansatz des britischen Funktionalismus /Strukturfunktionalismus?

Welches sind die wichtigsten Werke von Malinowski?

  • Die Trilogie, die er als Ergebnis seiner Forschungen bei den Trobriandern veröffentlichte:

Was hatten die zahlreichen Schüler Malinowskis gemeinsam?

  • Sie forschten (gefördert durch die Rockefeller Foundation) zumeist in Afrika
  • Viele waren Quereinsteiger der Ethnologie - sie hatten davor bereits ein anderes Fach studiert.
  • Feldforschung nach Malinowskis Regeln

Was sind die wichtigsten Kritikpunkte am Funktionalismus?

  • Vernachlässigung einer historischen Perspektive
    • es wird sowohl die geschichtliche Entwicklung der Kulturen vernachlässigt, als auch deren Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln ("sie funktionieren eben so vor sich hin")
  • Grundannahme des Funktionalismus, Gesellschaft sei auf Konsens ausgerichtet

Welche grundlegende Methode wird Malinowski zugeschrieben, und was charakterisiert sie?

  • Malinowski erhob die Feldforschung zur wissenschaftlichen Methode
    • Charakteristika der Methode:
      • Teilnehmende Beobachtung von mindestens einem Jahr (Beobachtung des Jahreszyklus)
      • Erlernen der Sprache
      • Hin- und Herwechseln zwischen der Perspektive der untersuchten Gesellschaft und der des objektiven Wissenschaftlers
      • die Methode ist nachvollziehbar, vergleichbar und unterrichtbar (berühmte Methodenseminare Malinowksis, in die selbst R.B. seine Schüler schickte)

--> Ziel ist die Beschreibung der Alltagspraktiken aus der Sichtweise der untersuchten Gesellschaft!

Zur Übung Ethnologie und Nationalsozialismus

Worin liegt die Problematik für die Ethnologie zur Zeit des Nationalsozialismus?

Die deutschen Ethnologen, die weiter in ihrem Beruf arbeiten wollten standen vor einem Dilemma. Sie konnten sich entweder kritisch äußern und damit Gefahr laufen, ihren Job zu verlieren oder Schlimmeres oder sie konnten sich anpassen und damit Beiträge zur nationalsozialistischen Ideologie liefern. Selbst diejenigen, die das nicht aktiv versuchten konnten sich nicht gegen die selektive Auslegung ihrer Theorien im nationalsozialistischen Sinne wehren. Vielen Ethnologen blieb angesichts dieses Konflikts nur die Auswanderung.

Weshalb ist es gerade für die deutsche Ethnologie so schwierig, den Gegenstand ihrer Untersuchung adäquat zu benennen?

  • In Folge der NS-Vergangenheit der "Völkerkunde" wurden die bis dato genutzten Begriffe unbrauchbar, da in ihnen stets die Erinnerung an ihre Verwendung und Bedeutung in der NS-Zeit mitschwang.
  • Zitat: "Der einst so selbstverständliche Begriff des Primitiven bzw. der "Naturvölker" wurde nach dem Kriege endgültig aus dem Vokabular der deutschen Völkerkunde gestrichen. Zugleich hielt man aber am primitivistischen Interesse fest und verzichtete darauf, das Fach durch Einbeziehung der europäischen Kulturen in eine Kultur- oder Sozialanthropologie internationaler Prägung zu verwandeln, wie sie selbst noch in unseren skandinavischen Nachbarländern eingeführt wurde. Das führt zu einer wissenschaftstheoretischen Kuriosität: Die deutsche Völkerkunde ist heute ein Fach, das seinen Untersuchungsgegenstand nicht nennen kann." (Thomas Hauschild: Lebenslust und Fremdenfurcht, S.22)

Nennen Sie drei Namen von Ethnologen, die während der Zeit des Nationalsozialismus tätig waren.

  • Wilhelm Mühlmann
  • Richard Thurnwald
  • Hermann Baumann

Was wissen Sie über das Verhalten deutscher Ethnologen während des Nationalsozialismus?

  • IST NICHT KLAUSURRELEVANT

Welchen Beitrag können Ethnologen als Spezialisten für das Fremde zum Verständnis des Umgangs mit Fremden im eigenen Land leisten?

  • Ethnologen können zwischen "fremden" und "eigenen" Werten und Handlungsweisen vermitteln und so Missverständnissen evtl. vorbeugen.
  • Ethnologen können das Verständnis für andere Kulturen fördern. Sie können versuchen fremdartig erscheinendes zu erklären und so Vorurteile abzubauen.
  • Ethnologen, die selber im Feld waren kennen das Gefühl des Fremdseins und haben daher bessere Chancen, die Perspektive der "Fremden" einzunehmen.

Was sind die Hauptanliegen Thomas Hauschilds in seinem Artikel "Dem lebendigen Geist"?

  • Deutsche Ethnologie ist gelähmt durch ihre Tabuisierung der eigenen Vergangenheit (sie kann nicht einmal ihren eigenen Untersuchungsgegenstand nennen), diese soll aufgearbeitet werden
  • Die westliche Kultur soll als Gegenstand der Ethnologie mit einbezogen werden
Zur Übung Kolonialismuskritik

Was wird mit dem Begriff Orientalismus assoziiert?

  • Begriff stammt von Edward Said, er prägt ihn in seinem gleichnamigen Buch
  • bezeichnet den eurozentrischen Blick des Westens auf das, was dieser als "Orient" definiert
  • Assoziation des Orients wie des Okzidents als homogenen Blöcken mit gegensätzlichen Eigenschaften
    • Orient: geheimnisvoll, fremd, exotisch, weiblich, schwach, irrational usw.
    • Okzident: aufgeklärt, männlich, stark, rational usw.
  • Diskurshoheit des Westens über den "Orient": Bewertung als Gegenstück zum Eigenen impliziert Anwendung westlicher Kategorien; das Monopol des Westens auf Wissensproduktion über andere
  • wird zur Legitimation tatsächlicher Machtverhältnisse und Aggressionen herangezogen

Weshalb ist das Buch "Orientalism" wichtig und was ist das Anliegen seines Autors?

  • "Orientalism" (Said, 1978) ist wichtig, weil es den Gegensatz Orient-Okzident als konstruiert und nicht tatsächlich vorhanden entlarvt und dekonstruiert
  • Sein Ziel einen interkultureller Diskurs anzustoßen, Dogmatiken zu dekonstruieren, eine pluralistisches Kulturverständnis zu entwickeln und die Ethnologie interdisziplinär zu verknüpfen sind ein wichtiger Beitrag zur postkolonialistischen Ethnologie und lösen eine kontroverse Debatte aus, die viele andere Autoren beeinflusst.

Wofür wurde das Buch kritisiert?

  • Said argumentiert polemisch und greift den Westen teils sehr scharf an Imperialismus ist ein exklusives Attribut des Westens
  • --> kritisiert die Pauschalisierung des "Orients", pauschalisiert jedoch selbst den "Westen"
  • Said verallgemeinert, Kritiker meinen, man sollte sich mehr mit konkreten Kulturen befassen
  • er blendet Fakten aus, die nicht in seine Theorie passen

In welche Beziehung können "Orientalismus" und Ethnografie gesetzt werden?

  • Said kritisiert orientalistische Ethnographien
    • Die Beschreibung des Fremden aus einer eurouzentristischen Perspektive könne nie objektiv sein
    • Allein der Anspruch der Orientalisten Fremdes objektiv beschreiben zu können, zeuge von einem westlichen Überlegenheitsgefühl und könne als imperialistisch gewertet werden.

Welchen Beitrag kann die Ethnologie zur Frage des "Kampfes der Kulturen" leisten?

  • IST NICHT KLAUSURRELEVANT

Stellen sie den Zusammenhang zwischen "Orientalismus" und Kolonialismus dar.

  • Orientalistische Sichtweisen werten den "Orient" ab und legitimieren somit die Übertragung der "überlegenen westlichen Kultur" auf den "Orient"
  • Überlegenheitsgefühl als gemeinsame Grundlage für Orientalismus, sowie für kolonialistische Aggression und Ausbeutung (Talal Asad: Orientalismus ist die einzige noch gesellschaftlich anerkannte Spielart des Rassismus)
Zur Vorlesung Manchester-Schule

An welche bedeutenden ethnologischen Theorien knüpfte die Manchester Schule an und inwiefern?

Die Manchester Schule steht in der Tradition der britischen Social Anthropology, insbesondere des Strukturfunktionalismus'.

Sie sieht ebenso Konflikte als Teil sozialer Organisation und nicht als deren Störfaktoren, unterscheidet sich aber durch ihren Fokus auf Prozesse und Konflikte in sozialen Systemen (historische Perspektive).

Max Gluckman selbst war Student Radcliffe-Browns.

Was charakterisiert die Region, in der die meisten Vertreter der Manchester Schule geforscht haben?

Die Forschungsregion der Vertreter der Manchester Schule ist der Kupfergürtel in Afrika. Als ehemalige Kolonial- bzw. Arpartheidsregion treffen hier zwei Sphären aufeinander: die moderne und die traditionelle (Es kommt in Folge des Kupferabbaus zur Städtebildung). Der Schwerpunkt der Manchester Schule liegt schließlich auch auf sich verändernden Gesellschaften.

Welche waren die Hauptthemen, mit denen sich die Manchester Schule befasst hat?

Die Hauptthemen der Manchester Schule waren Konflikte und deren Lösungen beim Aufeinandertreffen verschiedener Sphären. Das Zwei-Sphären Modell geht von einer urban-industriellen und einer ländlich-tribalen Sphäre aus. (Konflikte z.b. zwischen: Dorfgemeinschaften und staatliche Verwaltung, Stadt und Land). Es ging um die Konzeption von Person, Sprache und Logik von Situationen in sich verändernden Gesellschaften.

Worum geht es in dem bekanntesten Aufsatz des Begründers der Manchester Schule?

Der bekannteste Aufsatz Gluckmans war: "Rituals of Rebellion in South-East Afrika" in "Order and Rebellion in Tribal Africa".

In diesem Text geht es um das jährliche Incwala Ritual der Swazi. Das Ritual vereint den König als Person, das Königtum als Institution, die Nation und das Territorium der Swazi symolisch immer wieder aufs Neue in Form persiodischer Rebellion gegen die Person des Königs. Die Rituale helfen Konflikte zu überwinden und die Gesellschaft zu festigen. Das heißt der König wird zwar als Person "abgewählt", die Institution aber wird bestätigt.

Was lässt sich über das Verhältnis von Rebellion und Revolution sagen?

  • Folgende Interpretation dieses Verhältnisses stammt aus "Rituals of Rebellion in South-East Africa" von Max Gluckman.
    • Rebellion ist Ausdruck der Spannungsverhältnissen zwischen bestimmten Personengruppen (z.B. Prinzen, König) die das Gesellschaftssystem aber grundsätzlich bejahen. Gluckman zufolge tragen "Rituals of Rebellion" zur Festigung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bei.
      • Bsp.: Prinzen rebellieren gegen König, nicht gegen Königtum an sich. Die Person des Königs ist austauschbar, aber das Königtum wird nicht in Frage gestellt.
    • Revolution ist der Ausdruck der grundsätzlichen Ablehnung eines Gesellschaftssystems oder seiner Institutionen durch eine oder mehrere Personengruppen. In Gluckams Beispiel des repetitiven Gesellschaftssystems der Swazi gibt es keine Revolution.
      • Beispiel: Das Volk stürzt König, setzt aber NICHT wieder einen neuen König ein, sondern ruft z.B. Demokratie aus)

Wofür wurde die Manchester Schule bzw. ihr Begründer vor allem kritisiert?

  • Gluckman habe in seiner Deutung das Incwala Rituals der Swazi zu stark auf politische und soziale Funktionen reduziert und die Geschichte nicht mit in seine Interpretation einbezogen
  • Die Manchester Schule übernahm das Konzept des "tribe" als Untersuchungseinheit.
  • Es wird davon ausgegangen, dass Einzelelemente einer Kultur so aufeinander reagieren, dass sich ein Gleichgewichtszustand einstellt. Dies sei den Kritikern zufolge nicht der Fall, Gesellschaften könnten sich in verschiedene Richtungen entwickeln und seien nicht statisch.
    • Der Widerspruch von sozialem Gleichgewicht und dem möglichen und tatsächlich beobachteten Wandel ist bereits in der Theorie Gluckmans selbst angelegt.

Welches sind die drei Phasen eines Rituals und was interessierte Victor Turner daran?

  • Turner kommt zu der Erkenntnis, dass Rituale nicht nur Teil sozialer Prozesse (sozialer Dramen) sind, sondern selbst performativ und prozesshaft ablaufen.
  • Turner übernimmt in Anlehnung an van Gennep dessen dreiteilige Struktur:
    • Präliminale Phase: Trennung vom Alten
    • Liminale Phase : Schwellenphase
    • Postliminale Phase: Eintritt ins Neue, Wiedereingliederung.
  • Am meisten interessiert Turner die liminale Zwischenphase, während der Personen ohne
    Status, Rang, Besitz und Geschlecht leben. (siehe Communitas)

Was verstand Turner, Victor unter dem Begriff Communitas und wann tritt sie auf?

Welche sind die Haupteigenschaften von Symbolen nach Victor Turner?

Worin unterscheiden sich nach Turner die affliktiven Rituale bei den Ndembu von lebenszeitlichen Ritualen?

  • Lebenskrisenrituale ("life crisis rituals"): begleiten Entwicklungsprozess des Individuums
  • Heimsuchungsrituale ("rituals of affliction"): Unfruchtbarkeit, Fehlgeburt, Krankheit, Misserfolg bei Jagd werden mit Ahnengeistern erklärt und durch Rituale beigelegt
Zur Vorlesung Strukturalismus

Welche Begriffe gehören zur Terminologie von Lévi-Strauss?

  • Totemismus,Das Wilde Denken, Mythologica, langue vs. parole, Struktur, Modell, Transformation, System, Code, Synchronie und Diachronie, Syntagma und Paradigma, binäre Opposition, Metapher,
    Metonymie, Synekdoche

Was ist das Hauptanliegen des Strukturalismus?

Alle menschlichen Kulturen weisen eine gleiche Grundstruktur auf. Das heißt, der Kulturvergleich ist anhand von Strukturen (hier: Mythen) möglich. Die grundlegende Struktur ("Grammatik") der Gesellschaft müsse mit Hilfe der "Strukturanalyse" "ausgegraben" werden.
Aus dem Beziehungsgeflecht der Kultur lassen sich dann die Bedeutungen von den einzelnen Kulturelementen erschließen (aber nur aus diesem Kontext).
Strukturen sind für Strauss die eigentliche Wirklichkeit.

Wo führte Lévi-Strauss seine Feldforschungen durch?

  • machte Feldforschungen im Mato Grosso, Brasilien (bei den Caduveo, Bororo und Nambikwara)

Nennen Sie drei bekannte Werke von Lévi-Strauss.

  • Traurige Tropen
  • Das Ende des Totemismus
  • Das Wilde Denken
  • Mythologica I-IV
  • Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (Les structures élémentaires de la parenté)

Wie hängen Strukturalismus, Frauentausch und Reziprozität zusammen?

Der Strukturalismus befasst sich mit dem Verhältnis/ Übergang von Natur zu Kultur.
Mit dem Schritt des Menschen Regeln zu setzen wird dieser Übergang eingeleitet. Das Inzestverbot ist eine solche "Regel" für das Zusammenleben der Menschen. Leví-Strauss geht sogar soweit zu sagen, dass das Inzestverbot der Ursprung von Gesellschaft überhaupt ist. Das Inzestverbot sei entstanden, weil „die biologische Familie nicht mehr allein ist und sich mit anderen Familien verschwägern muss, um zu überleben". Als Folge werden die Frauen unter den Dörfern getauscht, es kommt zu einer Art Handel und zu "translokalen" Beziehungen.
Alles folgt somit Mauss´ Prinzip der Reziprozität, des: "du gibst mir die Frau, dann bekommt dein Bruder meine Schwester etc."

Was versteht Lévi-Strauss unter "Wildem Denken"?

Das "Wilde Denken" ist eine Option des menschlichen Geistes, die neben dem westlichen rationalen Denken exitiert.Es ist ein Denken im "wilden Zustand" aber nicht des "Wilden ".

-->Charakteristika des "Wilden Denkens": ungezähmt und natürlich (aber nicht: primitiv und archaisch!)

-->es vereint, was im "westlichen Denken" getrennt ist (z.B. Sonne und Mond)

Es ist zeitlos und findet in einer Welt der diachronen sowie synchronen Totalität statt.
Es ist nicht dazu da unser weltanschauliches System zu erweitern, sondern es findet eine ständige Dekonstruktion und Neubildung statt. Eine sogenannte "bricolage", ein Zusammenbasteln aus gegebenen Ideen.
Es verbindet alle sozialen Fakten in unserer sinnlichen Wahrnehmung miteinander.

Weshalb ist laut Lévi-Strauss der Totemismus keine Religion?

Laut Lévi-Strauss sind totemische Beziehungen kein wirklich zusammenhängendes System. Sie sind lediglich "gut zu denken" (Vgl. Malinowski: "gut zu essen"). Damit beschreibt er sie als Klassifikationssysteme, die Einordnung und Zurechtfindung erleichtern, jedoch keine vollständige Religion sind.

Worum handelt es sich bei den Mythologiques (Mythologica)?

Sie sind ein vier Bände umfassendes Werk, in dem  Lévi-Strauss eine umfassende Rehabilitierung des "primitiven", "magischen", bzw. "wilden" Denkens vornimmt. Es ist vor allem dieses Werk, das Lévi-Strauss weltberühmt macht.

Nach welchem Prinzip hat Lévi-Strauss die indianischen Mythen analysiert?

Er analysierte die Mythen, indem er sie mit Musik verglich. Die Parallele besteht seiner Meinung nach darin, dass Musik und Mythologie versuchen, die Zeit aufzuheben und mit Rhythmen, Wiederholungen und Variationen arbeiten. Mythen bestehen aus Mythemen, die wiederum mit Tönen vergleichbar sind. Lévi-Strauss geht davon aus, dass die Mytheme, wie die Töne eines Musikstücks immer gleich sind und nur durch eine neue Anordnung unterschiedliche Mythen erzeugen.

Welche waren die Hauptkritikpunkte am Strukturalismus?

Vorgeworfen wurde Lévi-Strauss vor allem, dass er die Verwandtschaftssysteme auf drei Grundstrukturen reduziere und so eine unzulässige Verallgemeinerung vornehme. Man spricht hier von einer "Mathematisierung der Heiratsregeln."

Sartre wandte sich vor allem gegen die These des Strukturalismus', Strukturen hätten Zugriff auf den menschlichen Geist und bestimmten sein Sein.

  • Herauslassen der Individuen
  • Geschichtslosigkeit
  • Starrheit der Grundbegriffe

Mit welchen Themen beschäftigten sich Lévi-Strauss' Schüler?

Den Schülern Lévi-Strauss' ging es vor allem um die Frage, wie aus primitiven Strukturen marktwirtschaftliche und staatliche Strukturen entstehen.

Zur Vorlesung Reflexive Anthropologie

Welche Schlagworte werden mit dem Hauptvertreter der interpretativen Ethnologie assoziiert?

  • Der Hauptvertreter der interpretativen Ethnologie ist Geertz, Clifford.
  • Sein Ansatz ist das Interpretieren von Kultur als Text (eigentlich einer Sammlung von Texten)
  • Diese Texte sind von den Kulturträgern selbst geschrieben, weswegen diese sie auch selber interpretieren können (im Gegensatz zur Idee von Leví Strauss, Kultur funktioniere analog zu einer unbewussten Grammatik)
  • Geertz führt die Methode der Hermeneutik in die Ethnologie ein (Hermeneutik als Mittel zur Interpretation des Textes ‚Kultur')
  • Die zentrale Methode die Geertz für das Schreiben von Ethnographien fordert ist die „Dichte Beschreibung"
  • Die von ihm vorgebrachten Ideen leiten die Writing-Culture-Debatte ein

Welche bedeutenden Strömungen griff Clifford Geertz in seiner Kulturtheorie auf?

  • Geertz ist ein Vertreter des klassischen amerikanischen Kulturkonzept von Franz Boas
  • Er greift die Methode der Hermeneutik aus der Literaturwissenschaft und Philosophie auf

Was versteht man unter Hermeneutik?

  • Ursprünglich eine Methode zur Interpretation und Auslegung von Texten, deren Autoren man nicht mehr über ihre Absicht befragen kann (besonders Bibel, Koran etc.)
  • In der Neuzeit ausgeweitet zu einer Art des Nachdenkens über Bedingungen des Verstehens und des Menschseins an sich (diese Spielart von Hermeneutik geht davon aus, dass alles Menschgeschaffene einen erkenn- und verstehbaren Sinn enthält)

Worin liegt für Geertz die Analogie von Kultur und Text?

  • Kultur ist für Geertz ebenso interpretierbar wie ein Text, sie bietet ebenso wie ein solcher mehrere Möglichkeiten der sinnvollen Interpretation
  • Kultur ist genau wie ein Text geschrieben. Die Autorenschaft liegt allerdings beim Kollektiv des Volkes, nicht bei einem bestimmten Autor. Das bedeutet aber auch, dass der Ethnologe auf die Sichtweise des Volkes auf seine eigene Kultur nicht verzichten kann (schließlich ist der Text ‚Kultur', wie am Beispiel des Hahnenkampfes auf Bali ersichtlich, ein Metakommentar der Kultur über sich selbst). Der Ethnologe kann allenfalls über die Schulter der Menschen hinweg kommentieren und interpretieren. Er hat somit nicht die Interpretationshoheit. Eine sinnvolle Interpretation kann es nur geben, wenn diese zwischen dem Ethnographen und den Ethnographierten "ausgehandelt" wird.

Erläutern sie Geertz Vorstellung von dichter Beschreibung und erörtern Sie diese anhand eines Beispiels.

  • Man kann ein einziges Kulturelement nicht aus sich selbst verstehen, sondern kann es erst im Zusammenhang mit allen anderen Kulturelementen verstehen.
  • Bsp.: Um den Hahnenkampf der Balinesen zu verstehen muss man Balinesen verstehen; die Bedeutung eines Zwinkerns erschließt sich erst aus der Kenntnis der verschiedenen Bedeutungen dieses Symbols im Kontext der Kultur)
  • Es ist also nötig ein Kulturelement von mehreren Seiten zu beleuchten und verschiedene Perspektiven darauf einfließen zu lassen.

Was meint Geertz mit der Fiktionalität der Ethnografie?

  • Ein wichtiges Werk hierzu ist „Works and Lives" (dt. "Die künstlichen Wilden")
  • Darin vertritt Geertz die These, Ethnographien seien literarische Werke, die unter Verwendung von stilistischen Mitteln auf bestimmte Wirkungen zielen.
  • Sein Werk leitete den "literary turn" ein.

Nennen Sie drei problematische Punkte in Geertz' Ansatz.

  • Wenn der Ethnograph versucht nicht autoritär auf den Verlauf der Gespräche mit Informanten einzuwirken, besteht umgekehrt die Möglichkeit der Lenkbarkeit des Ethnographen durch den Informanten. Dies kann interessante Einsichten vermitteln, birgt aber auch die Gefahr, Wesentliches nicht in den Blick zu bekommen.
  • Es treten Probleme beim Schreibprozess und bei der Übersetzung von Kultur in Text auf.
  • Es besteht die Gefahr, dass Ethnographien als literarische Werke ihre wissenschaftliche Aussagekraft verlieren: Erfahrungen sind nicht wiederholbar und können nicht verallgemeinert werden, sondern hängen vom jeweiligen Autor ab.

Nennen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Geertz und Turner.

  • Gemeinsamkeiten:
    • Beide sind für eine strikte Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaft.
    • Beide teilen die gleiche Vorstellung der bedeutungsimanenten Seite von Symbolen.
    • Sie sind beide gegen Strukturalisten und beide Vertreter einer reflexiven Ethnologie.
  • Unterschiede (dtv-Atlas S.64)
    • Geertz ist eher von Max Weber, Turner eher von Émile Durkheim beeinflusst.
    • Geertz sieht Symbole als "Vehikel von Bedeutung", Turner sieht sie als "Instrumente zur Reproduktion sozialer Ordnung"
    • Geertz interessiert sich in diesem Zusammenhang eher für die Bedeutung, Turner für die "Pragmatik und Wirkungsweise"
    • Geert geht der Hauptfrage nach, wie Symbole das Sehen, Denken und Fühlen beeinflussen, Turner fragt, auf welche Weise Symbole soziale Widersprüche lösen.

Wie grenzt sich die symbolische Ethnologie vom Strukturalismus ab?

  • siehe Vorlesungsfolien Nr.10
    • "Die Symbolisten distanzierten sich gegenüber dem Strukturalismus. Sie waren:
      1. gegen die von Levi-Strauss propagierte Universalität geistiger Strukturen (Bedeutung
      erwächst aus der binären Logik von Oppositionen),
      2. gegen die strukturale Methodologie, die "Das wilde Denken" und die "Mythologica"
      unverwechselbar machten. Sie waren gegen die Trennung der Akteure von ihren
      Aktivitäten und konzentrierten sich auf akteurszentrierte Handlungen." (unbewusste Grammatik vs. selbst geschriebener Text)
Zur Vorlesung "Writing Culture"-Debatte

Wer prägte den Begriff "Othering" (Veranderung)?

  • Den Begriff "Othering" prägte Johannes Fabian (bei wikipedia steht das zwar anders, aber das interessiert uns wahrscheinlich nicht) in seinem Werk "Time and the Other: How Anthropology Makes Its Objects"
  • Othering meint den das Erstellen eines Gegenentwurfs des "Anderen" im Gegensatz zum "Eigenen", dabei werden Gemeinsamkeiten ausgeblendet und den auf diese Weise konstruierten Seiten gegensätzliche Eigenschaften zugeschrieben. Heterogenität und Widersprüche innerhalb der Gruppen werden unterschlagen, diese werden als monolithisch angenommen. (Bsp.: Die Konstruktion des Orients in Abgrenzung zum Okzident)

Welches Werk (und welcher Autor) gilt als der Vorläufer des literary turn?

  • Clifford Geertz: "Works and Lives: The Anthropologist as Author" (Deutsch: "Die künstlichen Wilden")

Nach welchem Werk (mit Autoren) ist die Writing Culture Debatte benannt und was waren ihre Hauptanliegen?

  • Das Werk heißt "Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography"
  • Es handelt sich dabei um eine Anthology, viele bekannte Autoren haben daran mitgeschrieben, als Herausgeber werden George E. Marcus und James Clifford genannt

Was versteht man unter dialogischer und polyphoner Ethnologie, und was sollte damit erreicht werden?

  • Das Ziel der beiden Methoden ist der Abbau der Hierarchie zwischen Ethnographen und Ethnographierten, sowie eine größere Objektivität durch das Aushandeln einer Interpretation der Kultur als Text, zwischen Informant und Ethnograph.
  • Unter dialogischer Ethnologie versteht man den Vergleich von ethnologischer Beobachtung mit den Aussagen von Informanten. Ihr Ziel ist die Darstellung der Differenz zwischen westlichen Ansichten und denen der Einheimischen und das Aufzeigen der Angreifbarkeit des Forschers.
  • Polyphone Ethnologie (Mehrstimmige Ethnologie) ersetzt die eine Stimme des Ethnographen durch viele Stimmen seiner Informanten. Durch eine möglichst wortgetreue Wiedergabe ihrer Ansichten wird der Facettenreichtum individueller Wirklichkeitsauffassungen dokumentiert. Der Ethnograph ist dabei lediglich Vermittler. Das Ziel der polyphonen Ethnologie ist der Abbau der Hierarchie zwischen Ethnologe und Informant.
Zur Vorlesung Postkolonialismus

Nennen Sie zwei grundlegende Anliegen der postmodernen Ethnologie.

  • Studien über Kontexte der Produktion von Wissen
  • Studien zum ethnographischen Schreiben
  • Dekonstruktion der Ideologien und Theorien der Moderne, die behaupten allgemeingültig zu sein (Freud, Weber, Saussure, Durkheim)

Erläutern Sie eine prominente Methode, die für das Erforschen neuer ethnologischer Themenfelder im Kontext der zunehmenden Verbreitung von Menschen, Gütern, Techniken etc. vorgeschlagen wurde.

  • George E. Marcus' Methode der "Multisited Ethnography"
    • schlägt vor den Menschen, Dingen, Diskursen, Narrativen und/oder Konflikten auf ihrem Weg der globalen Verbreitung zu folgen
    • das bringt Feldforschung an verschiedenen Orten mit sich

Welcher Ethnologe prägte den Begriff Ethnoscapes?

Welche Rolle spielen Akteure in der Globalisierungstheorie und in der postmodernen Ethnologie?

  • Postmoderne: Individuen haben keine Handlungsmacht (Agency)
  • Globalisierung: Individuen spielen eine untergeordnete Rolle als Medium für die Verbreitung von Gütern

Nennen Sie Gemeinsamkeiten im Anliegen der feministischen Ethnologie und den postkolonialen Studien.

  • beide wollen Machtverhältnisse dekonstruieren
    • feministische Ethnologie: Machtverhältnis Mann-Frau
    • postkoloniale Ethnologie: Machtverhältnis Kolonialherr-Kolonialisierter
  • beide nehmen Bezug auf bis dato vernachlässigte (und unterdrückte) soziale Gruppen

Weshalb ist der Begriff Gender für die Ethnologie so wichtig?

  • Die begrifflichen Trennung zwischen Sex (dem biologischen Geschlecht) und Gender (dem sozialen bzw. psychologischen Geschlecht) ist wichtig, weil sie darauf verweist, dass Geschlechterrollen soziokulturelle Konstrukte und nicht naturgegeben sind.

Nennen Sie drei VertreterInnen der feministischen Ethnologie.

  • Sherry B. Ortner
  • Shirley Ardener
  • Michelle Rosaldo

Nennen Sie zwei Vertreter der subaltern Studies.

  • Dipesh Chakrabarty
  • Ranajit Guha

Welche Rolle spielt der Begriff Subaltern in der postkolonialen Ethnologie?

  • (lat. subalternus „untergeordnet", „von niedrigerem Rang")
  • die Unterdrückten der Gesellschaft werden von der Subaltern Studies Group ethnographiert
  • dies soll das Dilemma der Kolonialisierung aufzeigen

Welche konzeptionellen Veränderungen ergeben sich für die Ethnologie, wenn z.B. nicht-westliche Ethnologen ihre eigene Gesellschaft beschreiben?

  • Hegemonie der westlichen Wissensproduktion wird aufgehoben
  • es findet kein Othering statt
  • der Untersuchungsgegenstand der Ethnologie verschiebt sich, da Ethnologen, die ihre eigene Gesellschaft beschreiben, ja nicht das kulturell Fremde betrachten
Zur Vorlesung Globalisierunstheorien

Worin unterscheiden sich Globalisierungstheorien und die postkolonialistische bzw. feministische Ethnologie (z.B. bezüglich ihres Untersuchungsgegenstands)?

  • Globalisierungstheorien: wirtschaftliche Aspekte, Verbreitung und Vernetzung von Macht, Gütern, Menschen usw.
  • Postkolonialistische Theorien: Auflösung des Machtverhältnisses zwischen Kolonialisatoren und Kolonialisierten
  • Feministische Theorien: Auflösung des Machtverhältnisses zwischen Mann und Frau, Frauen werden als Gruppe ethnographiert

Nennen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Globalisierungsstudien und Diffusionismus.

  • die Verbreitung von Gütern ausgehend von deren Ursprungsorten wird beschrieben
  • Kulturelemente werden atomisiert und in unterschiedlichen Kulturen aufgefunden
  • Ethnoscapes gleichen Kulturkreisen

Wie haben Ethnologen das Aufeinandertreffen globaler Güter mit lokalen Lebenswelten konzipiert?

  • Konzept der Kreolisierung: die eigenständige Aneignung und Interpretation westlicher Güter

Worum ging es der Weltsystemtheorie und mit welchen Autoren wird sie assoziiert?

  • Entwicklung wird als notwendig erachtet
  • Die Welt ist ein Gesamtsystem mit
    • Minisystemen: Arbeitsteilung in kleineren Gruppen
    • Maxisystemen: Arbeitsteilung zwischen größeren Gruppen
  • Kernstaaten -> Semiperipherie -> Peripherie
  • --->   Ausbeutung ----------->
  • ---> Ungleicher Tausch ------>
  • ---> Ideologische Anbindung ans Ganze --->
  • Wichtige Autoren: Gunder Frank, Immanuel Wallerstein, Eric Wolf, Roland Robertson
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