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  • Hausgesellschaften
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Nach Lévi-Strauss sind Hausgesellschaften Übergangsphänomene und stehen zwischen tribalen Gesellschaften und Klassengesellschaften. Seiner Definition nach ist das Haus:

a corporate body holding an estate made up of both material and immaterial wealth, which perpetuates itself through the transmission of its name, its goods and its titles down a real or imaginary line, considered legitimate as long as this continuity can express itself in the language of kinship or of affinity and, most often, of both

Zentrale Merkmale

In der heutigen Ethnologie geht man nicht mehr von einer Evolution der Gesellschaftssysteme aus. Folgende zentrale Merkmale werden den house societies zugeschrieben:

  • Der oberste Wert ist die strukturelle Kontinuität. Es ist ausgesprochen wichtig, dass das Haus als Institution und zentrale Instanz erhalten bleibt; die Besetzung des Personals hingegen ist heterogen und unbeständig.
  • Aus dem obersten Wert der Kontinuität ergibt sich die Konsequenz der Weitergabe von Besitz und Posten, die aber nicht durch eindeutige Ultimo- oder Primogenitur vonstatten geht. Sie wird vielmehr zwischen mehreren Anwärtern ausgehandelt.
  • Diese möglichen Nachfolger verwenden verwandtschaftliche Begriffe strategisch.
  • Um gewisse strategische Beziehungen herzustellen, wird fiktive Verwandtschaft hinzugezogen.

Die klassische Verwandtschaftsethnologie scheitert bei der Untersuchung von Hausgesellschaften. Die Menschen sind nicht in einem festen Verwandtschaftssystem integriert, sondern benutzen verwandtschaftliche Begriffe frei und strategisch, um Beziehungen herzustellen. Die Verwandtschaft wird zu einem symbolischen Idiom zur Identifikation. Die möglichen Verbindungen zu einem Ahnen verfallen mit dem Tod. In dem Haus verdichteten sich Bedeutungen und symbolisch immaterielle, sowie materielle Werte.

Das Haus als Kategorie

Es ist die dominante Institution und holistische Struktur. Hausgesellschaften zeichnen sich durch soziale Flexibilität im Umgang mit den vorhandenen Regeln und Werkzeugen (Denkmodellen) aus und werden nicht wie nach Lévi-Strauss als Zeichen sozialer Auflösung betrachtet. Die bestehenden Hierarchien werden mit verwandtschaftlicher Sprache vermischt. Die Zugehörigkeit wird gewählt und kann gewechselt werden. Heirat ist in der Regel eine taktische Wahl, die freiwillig abläuft und nicht strukturell bedingt ist. Es gibt jedoch auch Hausgesellschaften, in denen präskriptive Heiratsformen existieren. Die Hausgemeinschaft ist gleichzeitig politische Einheit, Verwandtschafts- und Residenzgruppe. Sie ist dynamisch und wird mit Ritualen und Zyklen assoziiert. Soziale Ungleichheit kann, muss aber nicht vorhanden sein.

Das Haus als soziostrukturelle Gruppe

steht im Mittelpunkt der sozialen Organisation. Häufig sind Stammbäume vorhanden, welche die weite Verzweigung der Häuser und damit ihren Einflussbereich aufzeigen. Es ist möglich, zu mehreren Häusern zu gehören, doch stellt sich bei der Bestattung eines Toten die Frage, zu welchem Haus er gehörte, da er dort begraben werden muss. In Hausgesellschaften muss es keine Lineages, Clans oder Heiratsregeln, Patrilinearität oder Abstammungsrechte und keine eindeutige Hauszugehörigkeit geben. Alle Kognaten sind in das System einbegriffen.

Das Haus als Gebäude

ist in ein Symbolsystem eingebettet und auf mehreren Ebenen codiert. Zwischen Haus und Menschen besteht eine enge dialektische Interaktionsbeziehung. Das Haus repräsentiert (implizit oder bewusst) die Gesellschaft. Es ist Abbild des Gesellschaftsentwurfs und der kosmologischen Vorstellungen der Menschen, Instrument des Denkens. In ihm werden Räumlichkeit, gender, Identität und Status objektifiziert. Das Haus ist Ort und Instrument der Sozialisation. Die Bauweise, die Raumaufteilung, selbst die Sitzformen erscheinen dem Heranwachsenden selbstverständlich. Er nimmt sie gewissermaßen als naturalisierte Ordnung wahr. Gleichzeitig gestalten die Menschen das Haus nach ihrem gesellschaftlichen Code. Im Haus spiegelt sich der menschliche Lebensprozess („ein altes ehrwürdiges Haus“ usw.); hier treffen sich Permanenz (Kontinuität des Hauses) und Fluktuation (ein Kommen und Gehen). Das Haus ist ein Besitz, ein Ort, es muss aber kein empirisches Gebäude sein.

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