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Der soziale Code ist das grundlegende Klassifikationssystem der Wirklichkeit, auf dem das Denken der Menschen über die Welt basiert. Er ist grundsätzlich symbolisch, das heißt, unser Denken findet in Assoziationen und verdichteten Bedeutungen statt. Die Menschen ordnen ihre Umwelt ein, sie klassifizieren; und zwar nicht individuell, sondern kollektiv. Das, was wir sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen, kurz: erfahren, fassen wir in vorgefertigte Kategorien. Diese Kategorien sind kulturelles Gut und nicht natürlich gegeben. Sie entspringen der Codierung auf der symbolischen Ebene.

Entgegen verschiedenen Theorien, nach denen das Gesellschaftliche im Ökonomischen begründet oder lediglich instrumentelle Verwirklichung biologischer Notwendigkeiten, also praktisch sei, gehen heutige Ethnologen davon aus, dass "alles Ordnen der Kultur durch die materiellen Kräfte [voraussetzt], dass diese Kräfte durch die Kultur bereits geordnet sind" [1] Praktisch könne nur sein, was als praktisch symbolisch codiert ist: "There can be no practical realities without the symbolic coding of them as practical; the theory that the social is created out of action- the day-to-day decisions of myriads of people - truly obfuscates the nature of the social." [2]

Das unmittelbare „Verstehen“ setzt ein unbewusstes Verfahren der Entschlüsselung voraus, dem nur dort voller Erfolg beschieden ist, wo die Kompetenz beider: desjenigen, der sie in seiner Handlung oder seinem Werk verwirklicht, und desjenigen, der sie in seiner Wahrnehmung dieses Handelns oder dieses Werkes objektiv einsetzt, zur Deckung kommt; mit anderen Worten dann, wenn die Verschlüsselung als Transformation eines Sinns in eine Praxis oder in ein Werk mit dem symmetrischen Verfahren der Entschlüsselung zusammenfällt. Möglich und wirklich vollzogen wird das Verstehen, dieser Akt der Verschlüsselung, der sich als solcher verkennt, nur dort, wo der historisch geschaffene und fortbestehende Schlüssel, der den – unbewussten – Entschlüsselungsakt möglich macht, unmittelbar und vollständig vom wahrnehmenden Individuum (in Form kultivierter Dispositionen) beherrscht wird und im weiteren mit dem Schlüssel verschmilzt, der (in seiner Eigenschaft als kultivierte Disposition) das Hervorbringen des wahrgenommenen Verhaltens oder Werkes erst ermöglicht hat. In allen anderen Fällen ist dagegen partielles oder gar totales Missverständnis die Regel, führt die Illusion unmittelbaren Verstehens zu illusionärem Verstehen, nämlich dem des Ethnozentrismus als Irrtum in Bezug auf den Schlüssel: Kurz: noch die „verständigste“ Deutung begibt sich, speist sie sich nur aus dem naiven Glauben an die Identität der Menschheit und verfügt sie über kein weiteres Hilfsmittel als die, einem Ausdruck Husserls zufolge, "intentionale Einfühlung in den Anderen", in die Gefahr, nur eine besonders musterhafte Form des Ethnozentrismus abzugeben. [3]


  1. Sahlins, Marshall 1994: Kultur und praktische Vernunft. Übers. von Brigitte Luchesi. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 65.
  2. Cohn, Bernard S. 1990/1987: An Anthropologist among the Historians and other Essays. OUP, Delhi et al. S. 40 f.
  3. Bourdieu, Pierre 1976/1972: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 152f.

siehe hierzu u.a. Pierre Bourdieu, Sprache und Denken, Common sense

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