Der US-amerikanische Kulturanthropologe Marshall Sahlins setzte sich in seinem Werk „Kultur und praktische Vernunft“ (1976) mit den vorangegangenen Theorien zu Wirtschaft und Gesellschaft auseinander und stellt fest:

 „As opposed to all these genera and species of practical reason, this book poses a reason of another kind, the symbolic or meaningful.”

 (Marshall Sahlins (1976): Culture and practical reason. The University of Chicago Press, Chicago. S. VIII)

Laut Sahlins ist die Struktur nicht durch die Produktionsverhältnisse vorgegeben. Im Gegenteil: die Struktur ordne die Wirtschaftsverhältnisse. So sind diese beispielsweise den sozialen Beziehungen der Verwandtschaft unterworfen. Er konstatiert, Marx‘ Konzept von Basis und Überbau sei keinesfalls allgemeingültig, sondern kulturspezifisch. Praktisch sei nur das, was als praktisch symbolisch codiert ist. Die Ordnung der Kultur durch die materiellen Werte setzt voraus, dass die materiellen Werte bereits durch die Kultur geordnet sind.

Die Geschichte wird gesellschaftlich gedeutet und in den Code einverleibt, wobei die Geschichte wiederum einen Einfluss auf die Deutung hat. Die Gesellschaft sieht Sahlins als Organismus, der Neues nur im alten Horizont erkennen kann.

Reziprozität

Sahlins arbeitete drei Arten der Reziprozität heraus: Die generalisierte Reziprozität beschreibt die reine Gabe, den altruistischen Transfer, der ohne Verpflichtung und ohne Erwartung einer Gegengabe vollzogen wird. Das Soziale steht hier über dem Materiellen, die Beziehung dominiert das Ökonomische. Diese generalisierte Reziprozität kann laut Sahlins auch in abgeschwächter Form vorhanden sein. Die Gabe wird hier irgendwann erwidert und bis dahin, steht der Nehmer in der Schuld des Gebers. Es entsteht eine gegenseitige Verpflichtung, die wir beispielsweise in freundschaftlichen Beziehungen erkennen können. Ein asymmetrischer Gabenfluss ist bei dieser abgeschwächten generalisierten Reziprozität kaum möglich. Der Begriff der noblesse meint eine Art des Gebens, bei der die symbolische Erwiderung nicht nötig, aber meist, wenn auch zeitverzögert vorhanden ist. Die Gegengabe ist je nach kulturellem Kontext unterschiedlich.

Die balancierte Reziprozität ist eine äquivalente Reziprozität und man trifft sie beispielsweise bei Heiraten oder Friedensverhandlungen an. Soziales und Materielles sind ausgeglichen, das Soziale fordert Gaben und wird durch sie aufrechterhalten. Soziale Beziehungen und Gütertransfers sind aneinander gekoppelt. Dieses System der Gaben untersuchte Marcel Mauss in seinem Werk „Die Gabe“.

Die negative Reziprozität beschreibt die Aneignung ohne etwas geben zu müssen. Sie ist nicht verpflichtend, unpersönlich, unmoralisch und die unsozialste Form der Reziprozität, da es nur um das Eigeninteresse geht. Das Materielle steht hier über dem Sozialen. Beispiele sind Diebstähle und Deals. Die Teilnehmer sind Opponenten. Reziprozität an sich ist keine Bedingung, aber manchmal möglich, beispielsweise wenn sich zwei Händler zu unterschiedlichen Zeiten gegenseitig runterhandeln.

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