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  • Kosmologie und Metanarrativ
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Kosmologien

Kosmologien sind analytische Konzepte, die sich auf die Erfassung von grundlegenden Vorstellungen über die Natur der Wirklichkeit beziehen. Sie sind unhinterfragte Annahmen, die konstruierte Sicht auf die Welt, auf die sich die Mitglieder einer Gesellschaft unbewusst geeinigt haben. Sie stellen den Rahmen dar, in dem die jeweilige Wirklichkeit sinnhaft wahrgenommen wird. Sie können sich im Laufe der Zeit verändern. Kosmologien bezeichnen also ein elementares Bedeutungssystem, das nachgelagerte Vorstellungen wie Moral, Heiratsformen oder Religiosität strukturiert beziehungsweise sich in ihnen äußert. Somit dienen Werte und Handlungsnormen als Abbild (Indizien) und Vermittler kosmologischer Vorstellungen.

Metanarrativ

Ein Metanarrativ ist nun ein analytisches Konzept zum grundlegenden Zugang zu kosmologischen Vorstellungen. Es betont die erzählende, die narrative Art der Vermittlung eben jener Vorstellungen. Der Zugang zur Wirklichkeit wird analytisch als eine Geschichte über die Wirklichkeit verstanden - in Abgrenzung zur objektiven Wahrnehmung der einen Wirklichkeit. Elemente werden in einer Erzählung sinnhaft in Beziehung zueinander gesetzt, zu einem Bedeutungssystem zusammengesetzt, so dass nicht die Wirklichkeit abgebildet wird, sondern in spezifischer Art und Weise interpretiert und erklärt, betont und verknappt wird. Als Metageschichte wird hier das erzählt, was ist, was nicht ist, was sein kann und was nicht sein darf.

Beide Konzepte sind für das Verständnis darüber hilfreich, wie Menschen ihre Wirklichkeit schaffen. Sie deuten und erzählen sie in ihren Handlungen, Werten, Festen und Pflichten. Der Zugang zur spezifischen Wirklichkeit einer Gesellschaft ist nur mittelbar, also durch Interpretation des Unmittelbaren zu erreichen.

Kosmologie im Verhältnis zu Clifford Geertz' Definition von Religion

Nach Geertz geben Religionen Erklärungen für die Welt wie sie ist und wie sie entstanden ist. Sie rechtfertigen Leid und Unrecht, Naturkatastrophen usw., oder geben diesen Phänomenen einen Sinn. Weiterhin definieren sie die Welt in ihrem Idealzustand und geben ihr somit eine Ordnung, welche für den Menschen wichtig ist. Durch diese Definitionen wird die oft abstrakte und verwirrende, bis verängstigende, Realität für den Menschen greifbar. Religion liefert den Menschen eine "ganze Wahrheit", eine umfassende Realität ohne Zweifel. Dabei fungieren Symbole und Rituale als Bindeglied zwischen der realen und der religiösen Welt. Sie sind jedoch nicht nur religiös gprägt, sondern befinden sich in einem Wechselspiel zwischen Religion und Realität. Sie sind gleichzeitig ein Spiegel der Realität und der Norm der religiösen Vorstellungen. Öffentliche Rituale prägen das religiöse Bewusstsein einer Gesellschaft, sie sind für die Teilnehmer Inszenierung, Materialisierung und Realisierung der religiösen Perspektive. Das heisst ihrer religiösen Vorstellung von der Welt. Durch den Vollzug der Rituale wird die Autorität hinter der religiösen Perspektive anerkannt.  Sie umreißen ein Bild der kosmischen Ordnung, eine Weltsicht. Religion bietet dem einzelnen Menschen und der Gruppe eine allgemeine und doch spezifische Auffassung von der Welt, vom Selbst und den Beziehungen zwischen Selbst und Welt. Sie ist ein Modell für die Welt und von der Welt. Glaubensvorstellungen interpretieren und gestalten die sozialen und psychologischen Prozesse in kosmischen Zusammenhängen.

Quelle: Clifford Geertz: Religion als kulturelles System, in: Clifford Geertz: Dichte Beschreibung, Frankfurt a.M. 1983.

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