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Die Daten, die bei einer Feldforschung gesammelt wurden, müssen geordnet und komprimiert werden. Das Ziel ist die dichte Beschreibung der Verhältnisse und auf wenigen Seiten viel auszusagen. Dabei kann man sich im ersten Moment noch auf die eigene Intuition stützen. Dies wird jedoch nicht ausreichen. Es gilt blinde Flecken in der Betrachtung zu erkennen und sich selbst Denkanstöße zu geben. Dafür gibt es einige Tricks, derer sich der Forscher bedienen kann. Durch das Verändern der Perspektive mithilfe von Gedankenexperimenten und Spielen kann ein Zugang zu den Daten und ihrer versteckten Bedeutung gewonnen werden. Ferner stellen die Daten das Rohmaterial der späteren Analyse dar. Die Theorie muss aus ihnen heraus und nicht umgekehrt entstehen, weshalb es unabdingbar ist, sich ständig den Kontext, also die Situation der Feldforschung vor Augen zu halten. Nur so werden die Daten lebendig.

Arbeitstricks

Erstens kann der Forscher stets aufs Neue Memos und Erläuterungen schreiben. Den Prozess des Schreibens begleitet ein expliziter Denkprozess. Bei wiederholtem Aufschreiben von Daten durchdenkt der Forscher die Erkenntnisse und kann sie immer wieder neu anordnen. Da es kein unmittelbares Verstehen gibt, ist die Beschäftigung und schlichte Betrachtung der Daten durch mehrmaliges Aufschreiben äußerst wertvoll für den Verstehensprozess. Dieser verläuft kreisförmig, das heißt Erkennen, Schreiben und die Analyse können nicht getrennt werden.

Ferner muss der Ethnologe auf Metaphern aller Art achten, die ihm während seiner Arbeit im Feld begegnen. Metaphern stellen Zuspitzungen von sozialen Realitäten dar. Sie sind metaphorisch gesprochen lediglich die Spitze des Eisbergs, wobei der Eisberg das Bedeutungsgewebe Kultur darstellt. Metaphern sagen also etwas über die Gesellschaft aus und lassen bereits viel erahnen. Die lokalen Metaphern sind konstituierendes Moment von Sprache. Sie lassen Rückschlüsse auf eine Art des Denkens zu. Desweiteren kann der Ethnologe eigene Metaphern entwickeln, um Bedeutungen zu verdichten oder komplizierte Sachverhalte darzustellen. So kann man eine Gesellschaft als Maschine verstehen und sich nun fragen, wie das zu untersuchende Phänomen produziert wurde und wie jene produzierende Maschine namens Gesellschaft konstruiert sein müsste. Außerdem kann man sich die Gesellschaft als einen Organismus vorstellen, wobei es nun zu ergründen gilt, welche Organe eine Rolle spielen.

Die eigenen Metaphern dürfen auf keinen Fall mit den lokalen gemischt oder verwechselt werden, da sie selbstverständlich beide gleichermaßen kulturspezifisch sind.

Ebenso unerlässlich sind Gedankenspiele, das Ausbrechen aus bekannten Denkstrukturen. Eine Gesellschaft von innen heraus zu beschreiben ist ein mühsamer Prozess. Hilfreich ist es dabei das, was die lokalen Akteure erzählen, erst einmal für sinnvoll und richtig zu halten. Dem müsste die Frage folgen, wie dann deren Welt des Denkens und totalitäre Sinnwelt aussehen müsste, damit das zutrifft. Dieser „Es-macht-Sinn-Trick“ ist eine Hilfestellung, um Bedeutungsstrukturen zu entdecken.

Weitere Werkzeuge können der „Wer-wird-Millionär-Trick“ und der „Schildkröten-Trick“ sein. Bei dem Millionärstrick geht es darum, auf welche Fragen die Daten antworten könnten, welche Frage also zu den Daten, den vorliegenden Antworten passt. Bei dem „Schildkrötentrick“ geht der Forscher davon aus, dass jedes Phänomen nahezu unendlichen Bedeutungen und Bedingungen unterliegt, die auf vielen verschiedenen Ebenen existieren. Wichtig ist nun die Frage, welche Ebene für den Kontext relevant ist.

Es kann hilfreich sein, Synonyme oder Umkehrungen zu verwenden. Synonyme können die Konnotationen der einzelnen Wörter aufdecken, Umkehrungen wiederum können den eigenen Blick auf die Dinge verändern. Terrorismus könnte man beispielsweise umkehren in Freiheitskampf und einfach einmal beobachten, ob sich Bedeutungen in dem Kontext der übrigen Daten ergeben.

Wie eingangs erwähnt ist die Sozial- und Kulturanthropologie eine verstehende Wissenschaft, der es um die Bedeutung von Kulturmerkmalen, Symbolen und Ritualen geht. Die Frage des „Warum?“ wird ausgespart, da es nicht um Kausalzusammenhänge geht. Um sie zu umgehen, betrachtet der Forscher alles, was er beobachtet als Koinzidenz, als Zufall. Es geht nicht um die Frage, wie die verschiedenen Institutionen und anderes entstanden sind, sondern, wofür sie da sind. Nun kann man Indizien für Zusammenhänge suchen. (Null-Hypothese-Trick)

Der Anthropologe kann so genannte Gebrauchstricks anwenden, bei denen der tatsächliche Gebrauch von Begriffen mit deren lokalen Bedeutungen verglichen wird. So lässt sich beispielsweise eine Jugendkultur durch die dort verwendeten Begriffe und deren Bedeutungswandel analysieren. Begriffe sind kontextabhängige Abstraktionen vieler verschiedener Dinge und schaffen kulturspezifische Kategorien (keyword in context).

Letztendlich steht jedoch der soziale Code im Vordergrund. Welche Codes lassen sich im Feld erkennen und wie geht der Forscher damit um? Konkrete Situationen verknüpft der Forscher automatisch mit abstrakten Konzepten. Das tut er bereits durch die Benennung eben jener Situationen (zum Beispiel mit dem Begriff Heirat). Schon die Forschungsfragen können solche Konzepte beinhalten. Deshalb ist es nötig, das Vorverständnis der lokalen Wirklichkeit anzupassen. Jede Abstraktion von konkreten Gegebenheiten muss bewusst vollzogen werden, automatische Abstraktionen arbeiten mit Common-Sense-Modellen. Durch jenes Kodieren wird es nun möglich das Forschungsmaterial zu ordnen beziehungsweise zu systematisieren. Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Arten des Kodierens: theoretical coding bedeutet, der Forscher versucht bekannte Theorien und Konzepte in den Daten wiederzufinden, zum Beispiel Habitus, Klasse, symbolisches Kapital und zu untersuchen, ob diese für das Feld, sie Situation vor Ort wichtig sind. Grounded Coding stellt die Umkehrung dazu dar: aus den Daten heraus werden Theorien aufgestellt. Man erkennt sich wiederholende Themen und fasst sie zusammen. Die eigenen Codes müssen hinterfragt werden und zusammengefasst, differenziert und in Bezug zu anderen Zusammenhängen gesetzt werden.

Schlussendlich läuft all dies darauf hinaus, einen abstrakten Metatext über die untersuchte Gruppe oder Gesellschaft zu erstellen. Zu diesem Zwecke muss der Forscher die Problematik, der er sich gestellt hat, stets auf mehreren Ebenen betrachten. Hilfreich können dabei auch Modelle und Diagramme sein, die in erster Linie dazu dienen, diverse Codes zu visualisieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Die logische Form dieser Darstellungen muss stets dem Inhalt entsprechen. Verwendet werden können beispielsweise Bedeutungstafeln oder Schaubilder.

Die angesprochenen Tricks stellen keine Methoden der Sozial- und Kulturanthropologie im eigentlichen Sinne dar, sondern sollen dem Ethnologen lediglich erleichtern, Zugang zu den Daten zu bekommen und somit mit der Analyse zu beginnen.

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