Skip to end of metadata
Go to start of metadata

Ethnolinguistik


In dem Sammelband „Einführung in die Ethnologie" von Fischer und Beer aus dem Jahr 2006 beschreibt Gunter Senft in groben Zügen das Gebiet der Ethnolinguistik. Mit diesem Text möchte ich seine Beschreibung zusammenfassen. Die Beispiele aus dem Deutschen habe ich selbst hinzugefügt.
Die Sozial- und Kulturanthropologie hat den Anspruch, sich möglichst mit allen Aspekten einer Kultur auseinanderzusetzen. Die Rolle der Sprache wurde oft in nur unzureichendem Maße in diese Betrachtung miteinbezogen. Obwohl schon Herder und von Humboldt auf die wichtige Verknüpfung zwischen der Sprache selbst und der Kultur hingewiesen haben, ist dieser Ansatz erst in den 1990er Jahren als eigener Zweig der Ethnologie hervorgetreten. Aber auch Malinowski und Boas haben sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt. Dieser Ansatz betrachtet Sprache hierbei als kulturelle Eigenschaft und das Sprechen als kulturelle Praxis.
Zentrale Ziele und Fragen der Ethnolinguistik sind unter anderem

  • die Ordnung und Klassifizierung der Welt.
  • welche Bedeutungen werden zugeschrieben und wie werden diese markiert bzw. kodiert.
  • Spracherwerb.
  • Kommunikation als Ritual und sprachliche Mittel, wie zum Beispiel Sprachstile oder auch –ebenen, und Dialekte.
  • (Grad der) Verschriftlichung und Art der Texte.


Dass Realität nichts Absolutes ist, sondern sozial konstruiert ist, wird wohl jeder schon einmal gehört haben und auch akzeptieren. Jedoch ist für soziale Interaktion die Sprache eine Voraussetzung. Daher kann man durchaus behaupten, dass eigentlich eine linguistische Konstruktion der Realität vorliegt. Dieses konstruierte Gedankenkonzept wird dann auch über die Sprache an Mitmenschen, sowohl der eigenen als auch anderer Generationen, weitergegeben. Sprache ist folglich sowohl in den Schaffensprozess als auch in die Erhaltung des Wissens maßgeblich eingebunden.
Um eine Sprache zu verstehen und damit Rückschlüsse auf die Kultur schließen zu können, muss man sowohl die Funktionsweise und Struktur, Grammatik, als auch die Lexik(Wortschatz) begreifen. Hierbei kommt eine triviale Besonderheit ins Spiel. Nur wichtige Aspekte werden bezeichnet. So unterscheiden die Bewohner der Trobriand Inseln zwischen etwa 20 Arten von Yams. Diese Unterscheidung ist für die dortigen Bewohner wichtig. Bei uns gehört die Unterscheidung zwischen Yams-Arten eher zu (nicht notwendigem) Fachvokabular. In diesem Zusammenhang macht Senft auch noch einmal deutlich, dass Inuit nur zwei Wörter für Schnee haben, nämlich qanik „Schnee in der Luft" und aput „Schnee am Boden". Weitere Spezifizierungen des Schnees werden durch Affixe einfach direkt an das Wort gehängt. Um diese komplexen Wörter ins Deutsche zu übersetzen, muss man Adjektive, Adverbien und manchmal sogar Relativsätze benutzen. Die Inuitsprachen haben also eine andere Struktur.
Ein weiteres Beispiel aus einer australischen Aborigine-Sprache ist die räumliche Vorstellung. So werden in der betreffenden Sprache Richtungen nicht egozentrisch, also vom Sprecher oder einer bezeichneten Person aus, angegeben, sondern absolut. Die Begriffe links, rechts, vorne und hinten gibt es so nicht. Stattdessen werden, grob gesagt, die Himmelsrichtungen benutzt. Daraus folgt, dass die aktuelle Position während des Erzählens wichtig ist und folglich in eine Erzählung eingebunden werden muss.
Sprachen können auch unterschiedliche Personalpronomina haben. Eine grundsätzliche Unterscheidung, die man immer in Betracht ziehen sollte, ist die Unterscheidung zwischen inklusiv und exklusiv. Wer wird ganz explizit eingeschlossen oder ausgeschlossen, oder eben nicht. Im Deutschen kann man nur anhand des Kontextes unterscheiden, und auch das ist nicht immer eindeutig, ob mit „wir" auch der Adressat, der Angesprochene, gemeint ist. Es gibt Sprachen, die diese Unterscheidung machen. Ebenso gibt es weitere Pronomina für die Bezeichnung mehrerer Personen. Der Dual, selten auch ein Trial, gibt genau an, dass zwei, bzw. drei, Objekte oder Personen beteiligt sind. Dann gibt es noch den Paucal, welcher eine kleine Menge deutlich macht. Diese feinen Zwischenstufen zwischen Singular und Plural haben, ebenso wie die anderen Eigenschaften einer Sprache, oft einen kulturellen und / oder sozialen Hintergrund. Und es ist genau dieses soziale Gefüge, dass den Ethnologen interessiert.
Mit Hilfe der Sprache werden fast immer auch soziale Beziehungen ausgedrückt. Der Status des Sprechers oder des Angesprochenen kann, zusätzlich zum beobachtbaren Verhalten, auch durch sprachliche Mittel betont werden. So lohnt es sich immer, auf Sprachunterschiede zu achten. Diese können auftreten zwischen Mann und Frau, unterschiedlichen Regionen, sozialen Gruppen und vielen weiteren möglichen Unterscheidungsmerkmalen.
Einige Aspekte einer Gesellschaft können nur über die Sprache in Erfahrung gebracht werden. So werden Legenden, Mythen und manchmal auch Magie nur sprachlich kodiert.
Abschließend lässt sich sagen, dass die Linguistik ein wichtiger Bestandteil ethnologischer Forschung ist. Auch wenn manche Beispiele ein wenig fremd erscheinen, sollte man trotzdem festhalten, dass auch die Sprache Denkmuster kreiert, da sie grundlegende Möglichkeiten der Kommunikation umfasst.
Der Text von Gunter Senft gibt einen groben Überblick über die anthropologische Linguistik. Er ist keineswegs erschöpfend, gibt aber interessante Denkanstöße.