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Wo liegt Osteuropa?“, „Welche historischen und geografischen Räume umfasst Osteuropa?“, „Welche gemeinsamen Kriterien weist der osteuropäische Raum auf?“ Diese Fragen werden bereits seit dem Einzug des Begriffes ab den 1860er Jahren in die Wissenschaft äußerst kontrovers diskutiert. Im Allgemeinen gilt „Osteuropa“ als komplementärer und relationaler Begriff zum Europa-Begriff (vgl. Emeliantseva et al. 2008: 13). Verschiedene Theoretiker und Historiker haben im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versucht den osteuropäischen Raum näher zu definieren. Daraus ergab sich der „Konstruktivistische Ansatz“, die „Mental Maps“ sowie der „Essentialismus“. Der Essentialismus verstehe Geografie und Geschichte als bestimmende Elemente einer historischen Strukturregion und stehe der konstruktivistischen Sicht gegenüber (Emeliantseva et al., 2008: 13). Hingegen würde der konstruktivistische Ansatz historische Räume als Produkte menschlichen Denkens betrachten (vgl. Emeliantseva et al. 2008: 13). Frithjof Benjamin Schenks (2002) versteht Mental Maps als kognitive Karten, die „eines Menschen strukturierte Abbildung eines Teils der räumlichen Umwelt…Sie spiegelt die Welt so wider, wie ein Mensch glaubt, daß sie ist, sie muß nicht korrekt sein. Tatsächlich sind Verzerrungen sehr wahrscheinlich“ (Downs/Stea, 1985: 23f.) ist.

Des Weiteren wurde versucht, die Gesamtregion Osteuropas aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Demzufolge ergeben sich aus der strukturgeschichtlichen Perspektive geografische, sprachliche, staatlich-politische und historisch-kulturelle Abgrenzungen, welche keine gemeinsamen Kriterien aufweisen würden (vgl. ebd.). In geografischer Hinsicht seien die Küsten der Randmeere im Süden (Schwarzes Meer, Adria, Ägäis und Ionisches Meer) und im Norden (die Ostsee und Nordpolarmeer) die natürlichen Grenzen (vgl. ebd.: 15f). Die Abgrenzung nach Osten und Westen ließe sich nicht eindeutig bestimmen, da der Westen aus geografischer Hinsicht nicht abgegrenzt werde, im Osten stelle das Uralgebirge, wenngleich nicht im historischen Sinne, eine Abgrenzung dar (vgl. ebd.). Aus sprachlicher Sicht ließe sich Osteuropa nicht als „slawisches Gebiet“ definieren, da es viel zu heterogen sei (vgl. ebd.) Ebenfalls aus historisch-kultureller Perspektive lässt sich Osteuropa nicht als eine (einheitliche) Region definieren, da dieser Raum durch unterschiedliche kulturelle Traditionen in der Vergangenheit geprägt wurde: Traditionen der Römisch-Byzantinisch-Osmanischen Kultur auf dem Balkan; abendländische Tradition zwischen Donau und Ostsee sowie eine byzantinisch-orthodoxe Prägung zwischen unterer Donau und Ural mit asiatischen Einflüssen (vgl. ebd.). In staatlich-politischer Hinsicht wäre Osteuropa erst nach dem zweiten Weltkrieg als eine Region definiert worden, indem der historische Raum „Osteuropa“ in einen Ost- und Westblock im Sinne des Bündnissystems des Nachkriegseuropas unterteilt wurde (vgl. ebd.). Dieses Osteuropa, welches durch die neue Weltordnung entstand, umfasste von da an die sozialistischen Warschauer Pakt-Staaten (vgl. ebd).

Der deutsche Historiker Hans Lemberg (1985) stützte sich auf den konstruktivistischen Definitionsansatz und zeigt auf, dass vor dem 16. Jahrhundert der Osteuropa-Begriff nicht existierte, der Osten galt demnach noch als Orient. Laut Lemberg (1985) lässt sich die Entstehung des Osteuropa Begriffes auf das 19. Jahrhundert datieren. Frithjof Benjamin Schenk datiert die Erfindung Osteuropas bereits auf das 18. Jahrhundert, als es zu einer Neuteilung in Ost und West und demnach einer Ablösung der althergebrachten Einteilung in Nord und Süd kam (vgl. Schenk 2002: 497-500). Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs sei Osteuropa meist als Synonym für Russland verwendet worden, was auf die Vorherrschaft Russlands über weite Teile Polens zurück zu führen sei. Vor dem ersten Weltkrieg hätte der Begriff nur das Gebiet Russlands gemeint. Der Wiener Kongress und der Krimkrieg gelten Lembergs Ansicht nach als Schlüsselereignisse, welche für die Verschiebung Russlands von Nord nach Ost verantwortlich waren (vgl. ebd.: 500f). Demnach impliziere dieser Vorgang nicht nur eine vordergründige terminologische Veränderung, sondern einen Wandel des politisch-ideologischen Weltbilds, welcher weite Teile Europas wiederspiegeln würde (vgl. ebd.). Sprachlich-nationale Kriterien hätten Lembergs Ansicht nach im 19. Jahrhundert schrittweise die Bildungstraditionen der Antike als Einteilungskriterien sowie das alte Staatensystem abgelöst (vgl. ebd). Außerdem hätte die Forschung der Slawistik maßgeblich zur Neu-Definition des Osteuropa-Begriffs beigetragen, da der Bereich der Slawistik den Raum als eigenes Untersuchungsgebiet definiert und als kulturhistorische Entität beschrieben hätte (vgl. ebd.).

In den letzten Jahrzehnten wurde der Osten, als erste Himmelsrichtung, aus dem dekonstruktivistischen Blickwinkel betrachtet wurde. Einen Einfluss auf die Debatte um den Dekonstruktivismus nahm der palästinensische Philosoph Edward Said. Sein Konzept des Orientalismus (1978) nimmt Einfluss auf die Postcolonial Studies, die Dekolonisierungsprozesse, Macht- und Hierarchieverhältnisse, Hegemonialbestrebungen europäischer Mächte sowie die damit in Verbindung stehende eurozentristische Weltsicht, die andere Kulturen nach dem westlichen Ordnungsprinzip vergleicht, untersucht. In diesem Zusammenhang betont Said (1978), dass der Diskurs über Osteuropa ein Ausdruck des westlichen Überlegenheitsgefühls sei.

Zu einem weiteren wichtiger Verfechter der Osteuropa-Debatte zählt Larry Wolff (1996), der die Erfindung Osteuropas genauso wie Frithjof Benjamin Schenk auf das 18. Jahrhundert datiert: „Wolfs These lautet, dass die Zweiteilung Europas im 20 Jahrhundert entlang der Linien des Eisernen Vorhangs bereits im 18 Jahrhundert im Diskurs der westlichen Aufklärung vorweggenommen worden sei“ (Schenk 2002: 400). Osteuropa verstehe Wolff als Übergangsregion zwischen dem Westen und dem barbarischen Osten, da es nach zeitgenössischen Vorstellungen von Reisenden der westeuropäischen Aufklärung als relativ rückständig im Vergleich zum „zivilisierten Westen“ wahrgenommen wurde (vgl. Schenk 2002: 500). Demnach galt Osteuropa als Übergangsregion zwischen dem Westen und dem barbarischen Osten (d.h. dem Orient) und als Raum, welcher weiterhin vom Gegensatz der Barbarei vs. Zivilisation geprägt war (vgl. ebd.). Außerdem existiert die Vorstellung, dass Russland aufgrund seiner besonderen historischen, sozio-kulturellen und ökonomischen Merkmale weder zu Asien noch zu Russland gehöre (s. Eurasismus). Die Frage nach der Unterteilung Russlands in Asien und Europa, erfolgt erst durch die Verwestlichung durch Peter den Großen (vgl. ebd.: 502f). Bis zum Ersten Weltkrieg sei der Begriff als Synonym für Russland verwendet worden, erst danach wären die Staaten Ostmitteleuropas hinzugezogen worden (vgl. ebd.).

Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte eine Erschütterung der kognitiven Landkarte, nachdem in Deutschland und Russland zum Teil neue unabhängige Staaten entstanden, wodurch sich eine neue europäische Staatenordnung etablierte (vgl. ebd.). Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte sich der Begriff vor allem an politischen und ideologischen Kriterien orientiert (vgl. ebd.). Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wandelte sich die kognitive Landkarte erneut, sodass die verklärende Definition Osteuropas keinen Bestand mehr hatte (vgl. ebd.). In historischer Hinsicht seien das Raumkonzept Osteuropa und auch die Idee des Orients verklärende, als auch negative Gegenentwürfe zu einem sich festigenden westlichen Selbstbild gewesen (vgl. ebd.). Demnach wurde der osteuropäische Raum vor allem im letzten Jahrhundert "als historische Einheit erfunden, politisch instrumentalisiert und letztendlich hinterfragt" (Emeliantseva et al. 2008: 13). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Bedeutung des Begriffs einem mehrmaligen Bedeutungswandel unterlag.

Nach heutigen Vorstellungen lässt sich Osteuropa im weiteren Sinne in Teilregionen untergliedern, welche jeweils mehrere Staaten und Völker einschließen, vorausgesetzt, sie weisen in ihrer historischen Entwicklung mehr Gemeinsamkeiten auf als gegenüber ihren Nachbarn (vgl. Emeliantseva et al. 2008: 18). Im engeren Sinn zählt zu Ostereuropa Russland (das europäische Russland, Sibirien und der Ferne Osten), Belarus und die Ukraine, da in diesen Regionen vorwiegend Strukturen des Russländischen Staates als wie angenommen einheitliche sprachliche oder ethnische Merkmale anzutreffen sind (vgl. ebd.).






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