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1. Was spricht Ihrer Meinung nach dafür, von Osteuropa als einen einheitlichen Raum zu sprechen?

Der Begriff Osteuropa ist ein mentales Konstrukt, das je nach Perspektive interpretiert werden kann. Es ist auch eine sich historisch verändernde Definition, die je nach politischem, kulturellem oder sozialem Kontext unterschiedliche Konnotationen annimmt. Es gibt bis heute keinen Begriff Osteuropa, der einen einheitlichen Raum definiert. Allerdings wird mit dieser vermeintlich neutralen Codierung ein abgeschlossener Raum evoziert, der die Vielfalt des zu Bezeichnenden verschleiert.



2. Was wird gemeinhin unter Osteuropa verstanden?

Der Osten ist wie auch der Westen Konstrukt der Fremd- und Selbstwahrnehmung. Mit Osteuropa werden beispielsweise unterschiedliche geografische Regionen bezeichnet, wie z.B. die Länder der Östlichen Partnerschaft. Auch der Raum hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang wird oft pauschal und monolithisch als Osteuropa definiert. Mit der pauschalen Bezeichnung einer mehr oder weniger festen Gruppe von Staaten bringt der Begriff eine kulturelle und konfessionelle Codierung mit sich. Wir haben es hier also mit einer Idee zu tun, die nach wie vor stark durch die einstige Dichotomie der politischen Systeme geprägt ist (Kalte-Kriegs-Logik). Dabei ist der Bezeichnung eine Markierung des Anders-Seins immanent – aus einer eurozentrististischen Perspektive (Westliche Hegemonie). Dieses politische Narrativ hat ein Framing zur Folge, das sich im schlimmsten Fall durch Bilder von Rückständigkeit oder zumindest durch einen Orientalismus kennzeichnet. Im postkolonialen Diskurs würde man auch von einem Prozess des Otherings sprechen, bei dem neben vermeintlichen politischen und gesellschaftlichen vor allem auch kulturelle Unterschiede projiziert werden.



3. Auf welche gemeinsamen Merkmale kann ein einheitlicher Osteuropa-Begriff
gestützt werden?

Wenn man von einer Relativität, Konstruktion und der sich wandelnden Historizität des Begriffes ausgeht, kann von einer einheitlichen Definition von Osteuropa keine Rede sein. Der Begriff wird immer wieder neu konfiguriert, seine Grenzen sind dynamisch. Er wird in diversen wissenschaftlichen und kulturellen Formen (Texten, Filmen u.a.) imaginiert und somit transformiert. Es ist eine kritische Verwendung des Begriffs mit Blick auf emanzipative Prozesse der Gesellschaften angezeigt, die etwa die Entwicklung von Staaten wie Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes mit einschließt.

Nicht zu übersehen ist, dass auch innerhalb dieser Länder eine Abgrenzung und Selbstbestätigung qua Differenz zur Idee des „Ostens“ zu beobachten war und ist. So stellt der Historiker Stefan Troebst mit Blick auf Diskussion in den besagten Ländern fest: „Ost-Europa, das sind immer die anderen.“ 

(http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/132980/osten-sind-immer-
die-anderen?p=all)

4. Warum wird der Osteuropa-Begriff im öffentlichen Diskurs genutzt?

Der Begriff hat sich als eine Arbeitsdefinition durchgesetzt, weist aber bis heute eine definitorische Unschärfe auf und wird je nach Kontext gefüllt bzw. gebraucht. Die Ursprünge der Vorstellung eines östlichen Europas können kulturgeschichtlich über das 20. Jahrhundert hinaus nachvollzogen werden. Entscheidend für die vorliegende Diskussion ist aber die Feststellung, dass der Begriff gemeinhin benutzt wird, ohne dass dabei die Selbstzuschreibungen und Diskurse in den Ländern und Regionen, um die es eigentlich geht, berücksichtigt werden. Das ist problematisch, auch weil dadurch Stereotype reproduziert werden.


5. Wenn nicht Osteuropa, wie würden Sie diese Region alternativ benennen?

Abhängig vom Tätigkeitsfeld müsste eine Präzisierung stattfinden, wie z.B. Länder der Östlichen Partnerschaft. In mehreren wissenschaftlichen Disziplinen kommen Definitionen vor, die diesen Raum weiter ausdifferenzieren, wie Zentraleuropa, Südosteuropa. Auch regionale Bezeichnungen, die ebenfalls ihre Schwächen ausweisen, werden häufig genutzt: der Balkan, das Baltikum. Innerhalb politischer Diskurse gilt es auf jeden Fall, die Debatten zu vernehmen, die im Kontext von den bereits erwähnten Prozessen der Selbst- und Fremdzuschreibungen geführt werden; d.h. die Praxen der Selbstbezeichnung spielen eine große Rolle und sollen bei Benennungen, die immer auch Konstruktionen sind, berücksichtigt werden. Weitere Anhaltspunkte bieten politische, wirtschaftliche oder zivilgesellschaftliche Formate und Institutionalisierungsprozesse; d.h. Benennungspraxen, die sich an Zusammenschlüssen und Organisationsformen orientieren. Grundsätzlich gilt, dass sich auch Institutionen der politischen Bildung nicht rausnehmen können und ihre Vorstellungen der besagten geografischen Räume möglicherweise differenzierter vortragen müssen.


6. Die polnische/ russische/ weißrussische Bevölkerung nimmt es negativ auf,
wenn sie als Osteuropäer bezeichnet wird. Worauf lässt sich dies
zurückführen?

Die negativen wie positiven Wahrnehmungen haben mit Selbst- und Fremdprojektionen zu tun. Nicht differenzierte Zuschreibungen und Stereotypisierungen verstärken diese Wahrnehmungen, dies gilt nicht nur für den Begriff Osteuropa. Der bereits erwähnten Emanzipation vieler Gesellschaften vom einstigen sowjetischen Hegemonen wird durch eine unreflektierte Verortung nicht ausreichend Rechnung getragen. Bezogen auf Gesellschaften im ehemaligen GUS-

Raum kann der Begriff „Osteuropa“ gleichwohl als Klammer verstanden werden, die manchen geopolitischen Projekten Russlands entgegensteht (vor diesem Hintergrund siehe etwa die „Eurasische Wirtschaftsunion“). Diese Betrachtung verstärkt jedoch die politischen Implikationen und zeigt vor einer anderen Seite einmal mehr die Relativität der Zuschreibung „Osteuropa“ auf.

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