Der Staat Belarus steht im Einfluss zweier Nachbarregionen - dem europäischen Westeuropa und Russland - die unterschiedliche politische Ziele verfolgen. Zum einen lässt sich vor allem in architektonischer Hinsicht ein europäischer Einfluss festmachen, zum anderen ist das sowjetische Erbe und der Einfluss der Russischen Föderation (Russisch als zweite Amtssprache usw.) bis heute spürbar:
«Беларусь больше на Россию похоже чем на Евросоюз, здесь очень много осталось пережитков Советского союза, много контрастов между прошлым и настоящим»
Belarus ähnelt eher Russland als der Europäischen Union, hier findet man viele Überbleibsel aus der sowjetischen Vergangenheit, Kontrastе zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Jan)
In Minsk stellten wir fest, dass unsere befragten Belarussen, die selbst die Bezeichnung "Weißrussen" ablehnen, ihr Land geografisch unterschiedlich verorten, die einen als Teil Europas (d.h. sie machen keinen Unterschied zwischen Ost und West), andere verorten Belarus in der Mitte bzw. im Herzen Europas (d.h. es gibt Unterschiede zwischen Ost und West) und wiederum andere als Teil Osteuropas genauso wie Russland. Außerdem wurde von diejenigen, die Belarus in der Mitte sehen, der Raum Osteuropa weiter östlich verortet, in diesem Fall beginnend in Russland.
Mit anderen Worten verstehen sich diejenigen Befragten, die Europa nicht in zweiteilen, als Europäer per se. Diejenigen, die die öffentliche Meinung teilen, dass Belarus im Herzen Europas liege, sehen sich lediglich als Belarussen. Zu guter Letzt diejenigen Befragten, die eine gewisse Verbundenheit zu Russland sowie sowjetische Überbleibsel in Belarus vernehmen, zweifeln aufgrund dessen an der europäischen Identität. Überraschenderweise entspricht die geografische Wahrnehmung nicht in jedem Falle der Selbstwahrnehmung der Befragten. Beispielweise grenz sich eine unserer Befragten von der Bezeichnung "Osteuropäerin" ab. Stattdessen würde sie sich eher als Europäerin bezeichnen, obwohl sie Belarus territorial der Region Osteuropa zuordnet. Ein anderer Befragter stört sich nicht an der Bezeichnung "Osteuropäer", verweist aber daraus, dass der Mensch über multiple Identitäten verfügen kann.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist der vernommene Patriotismus in Belarus, der von denjenigen Belarussen geteilt wird, die ihr Land in der Mitte Europas, zwischen Ost-und Westeuropa, verorten. Auf dem Weg nach Warschau haben wir im Zug eine junge Frau aus Minsk interviewt, die - obwohl ihrer Ansicht nach Slawen und Europäer gleichgestellt sind - eine offensichtlich patriotische Haltung einnimmt, indem sie ihre Heimat im geografischen wie auch nationalen Sinne von West- und Osteuropa abgrenzt:
«Я славянин. Мы (Славяне и Европейцы) все одинаковые, мы люди скажем так. Но в каждый стране свои традиции, свои понятия жизни. Но я патриот, я как бы за Беларусью. В Беларуси все думают, что мы в сердце Европы, и мы находимся между Восточной и Западной Европой»
Ich bin Slawe. Wir (Slawen und Europäer) sind alle gleich. Sagen wir mal so, wir sind alle Menschen. Aber jedes Land hat seine eigenen Traditionen und Lebensansichten. Jedoch bin ich ein Patriot, ich stehe hinter Belarus. In Belarus denken alle, dass wir uns im Herzen Europas – zwischen Ost- und Westeuropa – befinden. (Natalia)
Eine Teilung in Ost- und Westeuropa sei auch durch die historischen Ereignisse bedingt, als sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei politische Pole bildeten, die sich gegenseitig bekämpft haben (Kapitalistischer "Westen" vs. Sozialistischer "Osten"). Gibt es nennenswerte Unterschiede zwischen Ost und West? Die Mehrheit der Befragten bejaht diese Frage, vor allem in kultureller Hinsicht:
«У нас, восточных европейцев, немножко другие традиции: мы более, наверное, открытые, более гостеприимные с точки зрения отношений»
Doch bei uns, Osteuropäern, gelten etwas andere Traditionen – wir sind viel offener und gastfreundlicher. (Irina)