Im Rahmen des Projektes gelang es uns hochkarätige Experten als Gesprächspartner*innen für sich zu gewinnen. So erklärten sich gleich 6 Spezialisten mit den Schwerpunktthemen Europäische Union bzw. Europa; Internationale Beziehungen; Interkulturelle Kommunikation; Russistik und osteuropäische Geschichte, bereit sich den Fragen über den Zeitgeist Osteuropas zu stellen.
Osteuropa ist ein mentales Konstrukt
Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger merkte jedoch an, dass der Begriff Osteuropa eher ein mentales Konstrukt sei, das je nach Perspektive interpretiert werden und je nach Kontext verschiedene Konnotationen annehmen kann. Daher kann man zumindest nach ihm nicht von Osteuropa als einem einheitlichen Raum sprechen.
Instrumentalisierung des Begriffs
In ihrer Mehrheit waren sich die Experten jedoch einig, dass der Osteuropa-Begriff, trotz definitorischer Unschärfe, seine Bedeutung heutzutage gemeinhin immer noch stark den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts zu verdanken hätte und größtenteils genutzt werde, um die früheren Länder des sozialistischen Blocks von Westeuropa zu trennen, obwohl dies eine Vereinfachung der komplexen Wirklichkeit ist:
Die Bezeichnung dieser Region als Osteuropa dient dem pragmatischen Zweck, denn es ist bequemer eine durch gemeinsame Merkmale verbundene Region, die viele Länder beinhaltet, mit einem Begriff zu definieren, als jedes Land einzeln benennen zu müssen. (Rustam Kasjanov, MGIMO)
Die Spaltung Europas kam auch bei der Diskussion über neue Finanzierungsentscheidungen der Europäischen Kommission, neue finanzielle Perspektiven und Unterstützung für den Zeitraum von 2001 bis 2007 zum Vorschein. Unsere Politiker nutzten diese Gelegenheit, um zu propagieren, dass die Europäische Kommission die EU-Staaten in zwei Blöcke, in Ost und West, teilen wolle und dass osteuropäische Staaten weniger finanzielle Unterstützung erhalten würden. (Kamil Zajączkowski, Universität Warschau)
Reproduktion von Stereotypen
Einige Experten kritisieren den Umstand, dass durch die mit dem Osteuropa-Begriff reproduzierten Stereotype die Diskurse und Selbstzuschreibungen der Bevölkerung in den Regionen missachtet werden.
Alternative Bezeichnungen
Konkrete Vorschläge wie man diese Region alternativ benennen sollte, gab es mehrere: Einige Experten waren der Meinung, dass es vor allem aus geografischen Gründen schwierig wäre einen passenderen Begriff zu finden und dies auch gar nicht nötig bzw. mehr möglich wäre, andere meinten, dass man Osteuropa in mehrere Regionen unterteilen und eine Präzisierung stattfinden sollte: Etwa in "Länder der östlichen Partnerschaft", "Zentralosteuropa", "Südosteuropa" usw.
Wahrnehmung der Bevölkerung
Laut den Experten nehme ein Großteil der Russ*innen und Belarus*innen es nicht negativ auf, wenn sie als „Osteuropäer*innen“ bezeichnet werden. Vladimir Dronov, Dozent für Russistik und Interkulturelle Kommunikation an der Russischen Universität der Völkerfreundschaft fügt hinzu, dass seit dem Ende der 80/90er Jahre die Russ*innen ihr Land eher als eurasischen Raum betrachten würden. Laut den beiden polnischen Experten gäbe es einen zivilisatorischen Unterschied zwischen dem "fortgeschrittenen" Westen und dem "rückständigen" Osten:
People in Poland hearing that they´re from Eastern Europe perceive this as negative because it feels like a division between East and West. When Poland has entered the EU in 2004, the division disappeared temporarily. During the migration crisis in 2015-2016 we observed all the old divisions between East and West again: «West European states welcomed migrants and Eastern European states - the bad states - refused to cooperate. (Kamil Zajączkowski, European Studies at University of Warsaw)
„Negativ, weil es ausdrückt, sie seien zivilisatorisch rückständig, weniger gebildet und hätten ein wesentlich geringeres Einkommen zur Verfügung. Dass ihre Länder nicht über denselben Grad an Zivilisation verfügen. Sie wollen ihre kulturelle und sprachliche Identität bewahren, sie erbringen in Europa dieselbe Leistung, die gleichbedeutend ist mit den Errungenschaften Frankreichs, Deutschlands, Spaniens oder des Vereinigten Königreichs.“ (Dorota, Historikerin aus Warschau)
Symbolik des Osteuropa-Begriffs
Experten aus anderen Ländern hoben vor allem die Ablehnung der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit hervor, die in manchen Ostblock-Ländern als Okkupation gesehen wird. Der Begriff Osteuropa wird damit zum Symbol der Teilung Europas, der Unterdrückung, aber auch des Andersseins:
Der bereits erwähnten Emanzipation vieler Gesellschaften vom einstigen sowjetischen Hegemonen wird durch eine unreflektierte Verortung nicht ausreichend Rechnung getragen. Bezogen auf Gesellschaften im ehemaligen GUS-Raum kann der Begriff „Osteuropa“ gleichwohl als Klammer verstanden werden, die manchen geopolitischen Projekten Russlands entgegensteht. (Thomas Krüger, bpb)