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  • Die süße Macht
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Inhalt: Das Kapitel Konsum in "Die süße Macht"

Modernisierung der Gesellschaft begünstigt den Zuckerkonsum: Bis Mitte des 19. Jahrhundert weitete sich der Gebrauch von Zucker von oben nach unten in die unteren Schichten der Bevölkerung immer weiter aus. Mintz spricht hier von einer „Ritualisierung“, der Aufnahme und symbolischen Verwendung von neuen Materialien (Mintz 1987:152). Damit hängt die „Extensifikation“, die Erweiterung, zusammen, d.h. immer mehr Menschen gewöhnten sich an den regelmäßigen Verzehr von Zucker. Dieser Vorgang verringerte laut Mintz den Status von Zucker als kostbarem Luxusgut und Statussymbol mehr und mehr (ebd.). Zunächst wurde Zucker von den armen Bevölkerungsschichten jedoch noch vorwiegend als Süßmittel für Tee verwendet. So mutmaßt Mintz, dass gerade Menschen, die bereits unterernährt waren, gerne zu einer heißen Flüssigkeit gegriffen hätten, die zugleich anregte und in der zudem noch süße Kalorien enthalten waren. Mintz nennt Faktoren für die weitere Verbreitung des Zuckers. Danach hatte diese Kost unter den Bedingungen des frühen Industrialismus den zusätzlichen Vorteil, dass sie überall und mit wenig Aufwand zubereitet werden konnte. Ausschlaggebend in dieser Entwicklung wurde laut Mintz dabei die Marmelade. Vor allem für die Arbeiterklasse sei sie nach 1870 zu einem wichtigen Nahrungsmittel geworden. Freihandel sowie die Abschaffung der Zuckerzölle habe eine viel billigere Marmeladenherstellung ermöglicht. Dieses zu mindestens aus 50 Prozent Zucker bestehende Produkt taten sich die Arbeiter unter anderem als Butterersatz aufs Brot.

Aus all diesen Beobachtungen zieht Mintz folgende Schlussfolgerungen: 1. Die Entscheidung, wovon man sich ernährte, hing nicht nur von den Kosten ab, sondern auch davon, wie viel Zeit die Zubereitung verbrauchte, 2. weil ein großer Anteil der Kosten für die Ernährung von den Brennmaterialien aufgebraucht wurde, waren Speisen attraktiv, für die man nicht heizen musste (konservierte Nahrung/Konserven), 3. der Speisezettel der Familie wurde begrenzter, wenn die Frau innerhalb einer Familie außer Haus für Lohn arbeitete (Mintz 1987:160). Da Frauen immer häufiger in Fabriken arbeiteten, sank gleichzeitig der Ernährungsstandard. Mintz sagt, dass das Fabriksystem mit seiner Implikation der Zeitersparnis ein wichtiger Grund war, der dem Zucker und seinen Nebenprodukten einen breiten Zugang zur Arbeiterklasse verschaffte ebenso wie die Tätigkeiten für Frauen und Kinder. Dass man schließlich häufig Brot nicht mehr zu Hause buk, sei ein exemplarischer Wechsel gewesen weg von der traditionellen Küche hin zu einer Entwicklung, die er mit der heutigen „schnellen Küche“ vergleicht. Die Kalorienversorgung der Menschen durch Zucker einerseits sowie die Zeitersparnis für die Essenszubereitung durch süße Konserven andererseits unterstreichen laut Mintz die Modernisierung der englischen Gesellschaft (Mintz 1987:161).

Den Vorzug des Zuckers besonders für die Armen sieht er darin begründet, dass er stellvertretend für andere wertvollere Nahrungsmittel den Hunger stillen konnte (Mintz 1987:161). Der Aufschwung von Fertig- bzw. von Konservennahrung gehört zu den tiefgreifenden Veränderungen in den Ess- und Ernährungsgewohnheiten aufgrund einer nachhaltigen Modernisierung. Danach war es nur ein kurzer Weg der vielen neuen Verwendungsarten und Produkte von Zucker hin zur Arbeitspause im Industriebetrieb (Mintz 1987:178). Fertigkost und Außerhaus-Mahlzeiten veränderten demnach die traditionellen gemeinsam eingenommen Mahlzeiten innerhalb der Familien. Der einzelne konnte also mehr oder weniger frei entscheiden, wann und wo er seine Mahlzeit einnahm. Der Zucker habe gleichsam mit Beginn des 20. Jahrhunderts die Esszeiten komprimiert, indem er sogenannte „schnelle Energie“ lieferte (ebd.).

Ungesunde Ernährung: Der Zuckerverbrauch ist für Mintz kein brauchbarer Index für den Lebensstandard. So sei der höhere Zuckerverbrauch auf gesunkene Preise zurückzuführen, aber nicht auf einen gewachsenen Lebensstandard. Er nimmt vielmehr an, dass die Ernährung im späten 19. Jahrhundert ungesund und unökonomisch war. Brot und in geringerem Umfang auch Kartoffeln seien zwar die Hauptnahrungsmittel für die Arbeiter gewesen, aber die dazu unverhältnismäßig hohen Ausgaben für Fleisch hätten in einem ziemlich krassen Missverhältnis zu dem dafür eingekauften Nährwert gestanden. Während jedoch der arbeitende Ehemann das Fleisch bekam, aßen Frauen und Kinder vor allem die zuckerhaltigen Lebensmittel (Mintz 1987:175f). Der vermehrte Gebrauch von Zucker habe sowohl positive wie auch negative Auswirkungen auf das Leben der Arbeiterklasse gehabt. Angesichts ihrer kalorienarmen Kost sei der Zucker immerhin ein Lieferant von dringend benötigten Kalorien gewesen. Allerdings, so Mintz, erfolgte der Kalorienzuwachs zu Lasten einer anderen, besseren Ernährung (Mintz 1987:177).

Mintz erkennt zwei tiefe Einschnitte in der Geschichte des Zuckerkonsums im Vereinigten Königreich. Zunächst nennt er die Popularisierung von gesüßtem Tee und von Sirup um 1750. Allerdings sei bis Mitte des 19. Jahrhunderts der kalorische Anteil des Zuckers an der Gesamtkost der Arbeiterklasse eher gering gewesen. Viel wichtiger in dieser Zeit war seiner Meinung vielmehr, dass der gezuckerte Tee etwa die Bereitschaft der Arbeiter erhöht habe, große Mengen eigentlich trockene komplementäre Kohlehydrate wie Brot zu essen (Mintz 1987:180). Den zweiten tiefen Einschnitt sieht er in dem beginnenden massenhaften Konsum von Zucker um 1850, als der Zuckerpreis drastisch fiel und als Folge der Zuckerkonsum rasch anstieg (Mintz 1987:178ff). Laut Mintz gefiel der Zucker vielen Menschen bald so sehr, dass sie mehr davon haben wollten als sie sich leisten konnten. Er sagt, dass zumindest nach 1850 die Armen den größten Teil des Zuckers verbrauchten, während es bis 1750 die Reichen gewesen waren. Diese Umkehrung interpretiert Mintz als endgültige Transformation des Zuckers von einer Kostbarkeit in einen Massenartikel. Das Konsumgut Zucker entsprach für ihn „als eines der ersten voll der kapitalistischen Konzeption vom Zusammenhang zwischen Produktivität der Arbeit und Konsum“ (Mintz 1987:179). Danach hing die gehobene Stellung des Zuckers einerseits mit der schnellen Aufwärtsentwicklung der industriellen Wirtschaft und andererseits mit den sich wandelnden Beziehungen zwischen dieser Wirtschaft und den Kolonien in Übersee zusammen. Er weist auf die Kontroversen hin, die über die kolonialen zuckerproduzierenden Plantagen als Profitquelle für englisches Kapital nach wie vor geführt würden. Für Mintz gibt es aber noch einen weiteren Faktor, der positiv für die Entwicklung des Kapitalismus zu Buche geschlagen habe: die Nahrungssubstitute wie Tee, Tabak und Zucker für die arbeitenden Klassen in der Metropole (ebd.). Sie hätten maßgeblich zum Erfolg des Kapitalismus beigetragen, weil nämlich diese Substitute die Produktivität positiv beeinflusst hätten. Zucker, laut Mintz „die einzige wichtige Hinzufügung zur Kost der britischen Arbeiterklasse während des 19. Jahrhunderts, rangierten von nun an, auch kalorisch gesehen, an vorderster Stelle.“(Mintz 1987:180) Um 1900 hätten sie durchschnittlich fast ein Sechstel der pro Kopf aufgenommenen Kalorienmenge ausgemacht. Schließlich konstatiert Mintz, dass überall auf der Welt der Zucker das Kalorienloch einer stets armen Arbeiterschaft ausgefüllt habe und außerdem zu einem der wichtigsten Nahrungsmittel für die Arbeitspause im Industriezeitalter geworden sei. Mintz drückt es so aus:“1650 eine Rarität, 1750 ein Luxusgut, wurde aus dem Zucker nach 1850 ein schlichter Bedarfsartikel.“(Mintz 1987:179). Vor allem ab dem 19. Jahrhundert konsumierten immer größere Teile der Bevölkerung Zucker bzw. zuckerreiche Nahrung. Das veränderte nachhaltig das Geschmacks- und Verbraucherverhalten bzw. die Lebens- und Arbeitsverhältnisse: Ursache war der aufkommende Kapitalismus und die damit einhergehende Massenproduktion (Seiser/Mader:83).Diese Massenproduktion erfasste bis heute immer mehr Bereiche des täglichen Lebens und erschloss damit dem kapitalistischen System immer neue Profitquellen.

 

 

Autor

Sidney Wilfred Mintz wurde 1922 in New Jersey, USA, geboren. Er studierte gleichzeitig mit Eric Wolf an der Columbia University und war ebenso wie dieser Schüler von Julian Steward und Ruth Benedict. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Mundial Upheaval Society, zu der auch Eric Wolf, Stanley Diamond, Elman Service und Morton Fried zählten. Mit Eric Wolf teilt er auch sein intensives Interesse für historische Prozesse und Verbindungen. In die „Die süße Macht“ (Mintz 1987) und in „Die Völker ohne Geschichte“ (Wolf 1991) konzentrieren sich beide auf Verflechtungen zwischen Menschen bzw. Kulturen durch Flüsse von Ideen und Gütern. Auf theoretischer Ebene versucht Mintz kulturanthropologische Ansätze mit historisch-materialistischen Konzepten zu verbinden. Der Fokus seiner eigenen Feldforschungen lag im karibischen Raum. Sein besonderes Interesse galt dem europäischen Kapitalismus und seinem Einfluss auf die karibische Welt. Mintz ist der Schule/Richtung des Neomarxismus, dem historischen Materialismus und der US-Amerikanischen Kulturanthropologie zu zuordnen.

Zitate

  • „Ich hoffe, deutlich machen zu können, was der Zucker […] über einen großen Teil der Welt auszusagen, ja zu enthüllen vermag.“ (MINTZ, Sidney (1985): Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Frankfurt am Main: Campus Verlag, Seite: 21.)
  • “Was ein Essen zu einem 'guten Essen' macht, ist ebenso eine soziale -und nicht eine biologische- Frage wie das, was ein gutes Wetter, einen guten Ehemann oder ein erfülltes Leben ausmacht.” (S.35)
  • „Es gilt den Prozeß der Kodifizierung und nicht nur den Kode selbst zu entschlüsseln.“ (Mintz, Sidney W.: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Campus Verlag. Frankfurt/New York 1987. Seite 41. Zeile 30-31.)
  • „Die Abnahme der symbolischen Bedeutung des Zuckers und die Zunahme seiner ökonomischen und ernährungstechnischen Relevanz hielten sozusagen negativ miteinander Schritt. Als der Zucker billiger wurde und reichlicher vorhanden war, nahm seine Potenz als Machtsymbol stetig ab, während seine Potenz als Quelle von Profit stetig wuchs.“ (Mintz, Sidney W.: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Frankfurt am Main 1987. S. 125)
  • „Kulturelle »Materialien« - gemeint sind konkrete Objekte ebenso wie die zu ihrer Bezeichnung verwendeten Begriffe, aber auch Verhaltens- und Denkweise – können nach oben oder nach unten diffundieren, vom vornehmen Herrn zum gemeinen Mann und vice versa.” (Mintz, Sidney W. (1987): Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Übers. v. Hanne Herkommer. Frankfurt a.M., New York, Campus Verlag.. S. 151)
  • „Die Einigkeit von Menschen über einen Tatbestand impliziert nicht ihre Einigkeit über seine Bedeutung.“ (Mintz, Sidney – 1985: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Campus Frankfurt a.M., S. 190.)
  • „Ich behaupte, daß der gesteigerte Konsum von Gütern wie Sucrose die direkte Folge jener teifgreifenden Veränderungen im Leben der arbeitenden Bevölkerung war, die aufgrund neuer Arbeitszeiten, neuer Tätigkeitsbereiche und neuer Lebensbedingungen im Alltag die neuen Formen der Ernährung und des Essens überhaupt erst vorstellbar und „natürlich“ bzw. selbstverständlich machten.“ (Mintz, Sidney W.: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Frankfurt am Main 1987. S. 214)
  • „Da das Ziel von Sucrosehändlern darin besteht, die Rolle, die der Markt für den Konsum spielt, auszuweiten und zu verstärken, können sie, um es zu erreichen, versuchen, die Konsumenten in ihren Konsumgewohnheiten zu verunsichern; sie können sie zu dem Versuch motivieren, sich selbst durch das, was sie konsumieren, anders zu sehen, oder sie können versuchen, sie davon zu überzeugen, daß sie die Einschätzung, die andere von ihnen haben, durch das, was sie konsumieren, verändern können.“ (Mintz, Sidney W.: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Campus Verlag. Frankfurt/New York 1987. Seite 229. Zeile 12-18.)
  • „Wir sind, was wir essen; in der modernen westlichen Welt werden wir immer mehr zu dem ge-macht, was wir essen, und zwar in dem Maße, in dem wir uns von Kräften, über die wir keine Kontrolle ha-ben, einreden lassen, daß unser Konsum und unserer Identität miteinander verknüpft seien.” (Mintz, Sidney W. (1987): Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers. Übers. v. Hanne Herkommer. Frankfurt a.M., New York, Campus Verlag.. S. 247 [kursiv im Original])
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