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  • Über den (gramscianischen) Hegemoniebegriff
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Die aktuelle Ausgabe des Duden führt folgende Synonyme zum Begriff der Hegemonie (griech. hegemonìa = das Anführen, der Oberbefehl, die Heerführerschaft) auf: Dominanz, führende Rolle, Überlegenheit, Vorherrschaft, Vormacht und Vorrangstellung. Neben der vielfältigen Verwendung im alltäglichen Sprachgebrauch hat wissenschaftlich besonders die Theorie der (kulturellen) Hegemonie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci Eingang in unterschiedliche Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften gefunden.

Zum Hegemoniebegriff bei Gramsci

Mit keinen Namen ist der Begriff der Hegemonie in der Politikwissenschaft bis heute so eng verbunden wie mit dem des Philosophen Antonio Gramsci (1891-1937). Ausschlaggebend für Gramscis neomarxistische Überlegungen zu politischer Herrschaft war das Ausbleiben der von Marx antizipierten Revolution in den mittel- und westeuropäischen Gesellschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gramscis Kritik am Marxismus galt deshalb besonders dem Ökonomismus, der Reduktion des Staates auf eine ökonomische Erscheinung. Die Annahme in der marxistischen Theoriebildung, einzig eine Basis ökonomischer Produktionsverhältnisse bestimme die Form des Staates (vgl. Abercrombie et al. 1978, S. 154), hinterfragte Gramsci in seiner Arbeit kritisch. Er betonte die Wechselwirkung zwischen ökonomischer Basis und ideologischem Überbau des Staates und integriert neben der Sphäre der Ökonomie die der Politik, die der Ideologie und die der Kultur in seine Überlegungen zu Herrschaft und Hegemonie. Als Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) wurde Gramsci 1962 unter der faschistischen Führung Mussolinis inhaftiert. In den sogenannten „Gefängnisheften“, dem Herzstück seines polit-philosophischen Werkes, widmete er sich vorrangig den Fragen, wie in kapitalistischen Gesellschaften Herrschaft entsteht und wie diese gefestigt werden kann.

Der Staat bei Gramsci

Grundlegend für Gramscis Überlegungen zu Hegemonie sind seine Annahmen über den Staat. Für Gramsci präsentiert sich der kapitalistische Staat als mehrgliedriges Konstrukt, das einerseits für (gewaltvolle) Unterdrückung eines Volkes steht sowie auf der anderen Seite für die Integration der Interessen der Massen durch Teilhaberechte zuständig ist (Ladwig 2009, S. 133).

Innerhalb des Staatsgebildes unterscheidet Gramsci die politische und die bürgerliche Gesellschaft (Zivilgesellschaft). Diese lassen sich jedoch faktisch nicht voneinander trennen, da der „integrale Staat“ sich nicht auf die politische Gesellschaft begrenzen lässt, sondern auch die Zivilgesellschaft durchdringt. Gramsci unterscheidet die politische Gesellschaft als Sphäre des Zwangs von jener der Zivilgesellschaft als Sphäre des Konsens’.

Eine hegemoniale Herrschaftsform ringt um eine Balance zwischen Elementen des Zwangs und der Konsensfindung, sodass Gramsci den Staat als „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ definiert. Dabei ist entscheidend, dass jede Gruppe, die nach Hegemonie strebt, ihre Ideen/Werte/Normen als führend durchsetzt, noch bevor sie eine anerkannte hegemoniale Position einnimmt (Gramsci Gefängnisheft 8, §88, 1947). Weiterhin ist die „Führungsfähigkeit“ einer Klasse von ihrer ökonomischen Position abhängig.

Neben der Fähigkeit, die eigenen Kerninteressen (unter Zwang) durchzusetzen, setzt eine hegemoniale Herrschaft also auch eine gewisse Kompromissfähigkeit der herrschenden Klasse voraus. Zur Sicherung ihrer Hegemonialstellung ist es für die herrschende Gruppe (auch: dominante Kultur) notwendig, subalternen Klassen gegenüber Zugeständnisse zu machen - jedoch unter Wahrung der eigenen Interessen.

Die Zivilgesellschaft

Für Gramsci ist neben dem (direkten und/oder strukturellen) Zwang das Moment der Hegemonie das, was eine Gesellschaft zusammenhält. Hegemonie nach Gramsci beruht auf einem „aktiven Konsens der Regierten“, d.h. auf der Zustimmung aller Individuen/Gruppen/Klassen innerhalb einer Gesellschaft, selbst wenn diese ihr eigentlich widersprechen, weil ihre Interessen sich von denen der Herrschenden unterscheiden. Konsens bedeutet also eine freiwillige Unterwerfung bzw. die teilweise Annahme oder Höherbewertung der Interessen der dominanten Kultur (vgl. Abercrombie et al. 1978, S.153).

Es gilt jedoch, dass der Zustand der Hegemonie niemals still steht oder sich zwischen Herrschenden und Beherrschten ein stabiles Gleichgewicht bilden kann – Hegemonie ist nie absolut, sie ist stets umstritten. Das Terrain, auf dem politische, kulturelle sowie ideologische Kämpfe um Hegemonie ausgetragen werden, wird bei Gramsci als Zivilgesellschaft bzw. società civile bezeichnet. Die Zivilgesellschaft umfasst dabei alle sozialen Bereiche und die darin eingebetteten gesellschaftlichen Vereinigungen wie z.B. Schulen, Kirchen, Vereine, Verbände und ähnliche Institutionen. Sie dient der (Re-)Produktion von Hegemonie und legitimiertem staatlichem Handeln (Demirovic 2003, S. 231-232).

In der Zivilgesellschaft ringen die so genannten „organischen Intellektuellen“ in ihrer Funktion als Vertreter ihrer Klasse um Hegemonie und Konsens (Gramsci Gefängnishefte, H. 12, §1, 1500).

Durch diese Annahmen zu Hegemonie und Konsensbildung hat Gramsci „das Verständnis von Klassenkampf erweitert um die symbolische Deutungshoheit.“ (Ladwig 2009, S. 145). In den Kämpfen und Auseinandersetzungen in der Zivilgesellschaft wird nicht um eine vorherrschend materielle Machtposition konkurriert sondern um Ideen, Normen und Werte.

Gramsci und die Revolution

Besonders zwei Fragen beschäftigten den inhaftierten Gramsci in seiner Arbeit. Zum einen handelt es sich dabei um die Frage, wie der Faschismus in Italien politisch und gesellschaftlich Fuß fassen konnte. Dies lässt sich zumindest teilweise aus den vorangegangen Betrachtungen der Zivilgesellschaft erklären. Dieser Begriff ist nicht als normative Kategorie zu verstehen. Für die Herausbildung einer Hegemonie ist nicht die Anzahl der Mitglieder einer Klasse entscheidend, sondern ihre Wirkungsmacht innerhalb zivilgesellschaftlicher Institutionen.

Die zweite Frage beschäftigt sich mit dem Ausbleiben der linken Revolution. Weshalb die Revolution nicht in den kapitalistischen Hochburgen West- und Mitteleuropas stattfinden konnte, sich stattdessen aber im kapitalistisch „unreifen“ Russland abspielte, liegt für Gramsci im Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft im Westen. Er schreibt hierzu:

"Im Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallertenhaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verhältnis, und beim Wanken des Staates gewahrte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand, von Staat zu Staat mehr oder weniger, versteht sich..." (Gramsci Gefängnishefte, H. 7, §16, 874)

Die Stabilität des Verhältnisses zwischen dominanten und subalternen Gruppen wird somit auch durch ökonomische Krisen nicht zwangsläufig erschüttert, bzw. führt bei Gramsci zu der Einsicht, dass eine starke Zivilgesellschaft neue politische Strategien erfordert. So sieht er einen Wechsel vom „Bewegungs- zum Stellungskrieg“. Gemeint ist damit, dass die schlagartige Abschaffung einer Herrschaft nicht möglich ist und antihegemoniale Projekte in einem Staat nur mehr durch die schrittweise Durchdringung der zivilgesellschaftlichen und staatlichen Bereiche erfolgreich sein können.

Weiterführend zu Gramscis Theorie

Aufbauend auf Gramscis Hegemonietheorie haben sich vor allem Strukturalisten im Zuge der Diskursanalyse weiter mit den in Gramscis Hegemonietheorie enthaltenen Begriffen auseinander gesetzt. Ernesto Laclau und Chantal Mouffe erweitern in ihrem Hauptwerk Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. den gramscianischen Hegemoniebegriff und machen ihn zum Gegenstand aller sozialen Kämpfe. Demnach ist Gesellschaft der kontinuierliche Kampf um Deutungshoheit und Macht.

Weiterhin hat die Theorie Gramscis auch Eingang in verschiedene Teildisziplinen der Politikwissenschaft gefunden. In den Internationalen Beziehungen hat u.a. Robert W. Cox den Versuch unternommen, den Kampf um Hegemonie von der nationalen Ebene auf den Kontext des internationalen Systems zu verlagern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gramscianische Hegemonietheorie in vielen Bereichen Anwendung gefunden hat, ihr Potential jedoch bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.

Autorin: Valerie Knapp


Literaturverzeichnis

Abercrombie, Nicholas; Bryan S. (1978): The Dominant Ideology Thesis. In: The British Journal of Sociology 29 (2), S. 149-170. Online verfügbar unter  http://www.jstor.org/stable/589886.

Bieling, Hans-Jürgen (2009): Die politische Theorie des Neo-Marxismus: Antonio Gramsci. In: Brodocz, André; Schaal, Gary S.(Hg.): Politische Theorien der Gegenwart Bd. 1, 3. Aufl. Opladen: UTB, S. 435-466. 235. Online verfügbar unter http://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/0893569032000113541 

Gramsci, Antonio (1991-2002): Gefängnishefte, herausgegeben von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug ,10 Bände. Hamburg: Argument.

Ladwig, Bernd (2009): Moderne politische Theorie. Schwalbach am Taunus: Wochenschau Verlag.

 

Weiterführende Literatur

Laclau, Ernesto; Mouffe, Chantal (2006): Hegemonie und radikale Demokratie: Zur Dekonstruktion des Marxismus. 3. Aufl. Wien: Passagen Verlag.

Cox, Robert W. (1998): Weltordnung und Hegemonie. Grundlagen der „Internationalen Politischen Ökonomie“, 11. Marburg: Forschungsgruppe   Europäische Gemeinschaft FEG. Online verfügbar unter http://www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/eipoe/publikationen/publikationen/s11.pdf%20.