Was ist Osteuropa? Um diese Frage zu beantworten, sind wir mit Hilfe eines Interview-Leitfadens von Berlin, Warschau und Minsk nach Moskau gereist und haben wie erhofft, interessante, alte wie neue Erkenntnisse gewonnen. Ziel des Projekts war es, den Zeitgeist Osteuropas zu definieren und zu verstehen und von den Befragten herauszufinden, was sie unter Osteuropa verstehen, um eine intersubjektive Perspektive zu erhalten. Statt den dort lebenden Menschen eine osteuropäische Identität zuzuschreiben, haben wir die Interviewpartner*innen selbst erzählen lassen. Jeder Befragte hat seine eigene Vorstellung von (Ost)Europa und besitzt demnach über eigene Identität,. Mit unserem Projekt „Zeitgeist Osteuropas: Eine Reise von Berlin nach Moskau“ ist es uns gelungen, einen kleinen Einblick über die Vielfalt der (ost)europäischen Wahrnehmung zu erhalten. Um andere Menschen an unserer Arbeit teilhaben zu lassen, wurde unser gesamtes Wissen auf einer anschaulichen Webseite zur Verfügung gestellt und unsere Arbeit zusätzlich durch eine Fotoausstellung visualisiert.
Warschau
Angefangen in Warschau, wo die Interviewpartner*innen die weit verbreitete Ansicht vertraten, dass das heutige Polen in territorialer und politischer Hinsicht nicht zu Osteuropa gehöre. Der osteuropäische Raum wird weiter östlich verortet, beginnend in Belarus. Für die Mehrheit befinde sich Polen im Zentrum Europas und gehöre somit nicht zu Osteuropa. Daraus lässt sich schließen, dass unsere Interviewpartner*innen Polen eher westlich von Osteuropa verorten, jedoch sich selbst weder als Ost- noch Westeuropäer*innen, sondern vorwiegend als Europäer*innen bezeichnen. Aus historischer Perspektive wird zudem deutlich, dass die Bevölkerung im Osten Polens aufgrund der sowjetischen Besetzung und der damit verbundenen Sowjetisierungsmaßnahmen bis heute geprägt ist.
Minsk
In Minsk haben wir teils widersprüchliche Aussagen vernommen, daraus entnehmen wir, dass dies mit der historischen Vergangenheit und geografischen Lage in Verbindung gebracht werden kann. Diejenigen, die Belarus zu Europa zählen, verstehen sich als Europäer*innen per se. Diejenigen, die die öffentliche Meinung vertreten, dass Belarus im Herzen Europas liege, sehen sich vorwiegend als Belarus*innen. Die Interviewpartner*innen, welche die Überbleibsel der sowjetischen Zeit in Belarus vernehmen, stören sich aufgrund der Ähnlichkeit zu Russland an der Bezeichnung „Europäer*innen“. Die geografische Wahrnehmung entspricht überraschenderweise nicht in jedem Falle der Selbstwahrnehmung der Befragten. Es ist offen-sichtlich, dass die Belarus*innen bezüglich ihrer Identität gespalten sind.
Moskau
Weniger überraschend ist die Tatsache, dass sich in Moskau keiner der Interviewpartner*innen als Osteuropäer*innen bezeichnet. Russland gehöre nicht zu Osteuropa – Osteuropa sei alles was südlich und östlich von Polen liegt, die Grenze erstrecke sich nur bis zur Russischen Föderation. Interessanterweise findet die Bezeichnung rossijanin (Russländer) immer größeren Anklang bei der russischen Bevölkerung. Des Weiteren wird Russland sowohl als Eurasien bezeichnet, was weder zu Osteuropa noch Asien angehört, als auch als „dritter Weg“, der weder mit dem Westen noch dem Osten verglichen werden kann. Demnach würde Russland ein eigenes, vom Westen und Osten unabhängiges, Land darstellen. Im Ländervergleich zeigt sich, dass die kulturelle Prägung eine große Rolle für die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Interviewpartner*innen spielt. Bis heute wirkt sich Russlands sozialistische Vergangenheit auf die Denkweise der Menschen aus: Russland gehöre aufgrund der geschichtlichen und politischen Ereignisse nicht zu Osteuropa und solle somit von Europa getrennt betrachtet werden.
Berlin
Zusätzlich zu den Straßeninterviews haben wir eine Umfrage in Berlin durchgeführt, diese wurde jedoch in Form eines Online-Umfragetools (SurveyMonkey) realisiert. In Gegenüberstellung zu den Ergebnissen aus der Online-Umfrage zeigt sich, dass der Terminus Osteuropa in Berlin bzw. im Westen verstärkt mit Ungleichheit, Rückständigkeit und sozialen Missständen in Verbindung gebracht wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein Großteil der polnischen, belarussischen und russischen Bevölkerung die Bezeichnung „Osteuropäer*innen“ entweder rigoros ablehnt oder zumindest sich mit dieser Bezeichnung nicht identifizieren möchte. Die Frage nach der territorialen Zugehörigkeit Osteuropas ergab viele verschiedene Antworten. Während für einige Osteuropa erst östlich von Belarus bzw. Polen anfängt, zählten andere Befragten den östlichen Teil Deutschlands zu Osteuropa. Auch die Ansicht, dass Mitteleuropa nicht als Teil Osteuropas angesehen werden soll, wurde vertreten. Die Antworten (Stichwörter) auf die Frage “Was assoziieren Sie mit Osteuropa?” hatten einen deutlich erkennbaren Russland- bzw. slawischen Bezug: “Sozialismus”, “Slawische Sprache”, “Russland”, “UdSSR”, “Kalter Krieg”. Darüber hinaus stellt man fest, dass die Merkmale, die Osteuropa ausmachen sollten, bei einigen mit negativen Assoziationen verknüpft sind: “Große Spanne zwischen Arm und Reich”, “Rückständigkeit”, “Ungleichheit im Vergleich zu Westeuropa”.
Experten
Im Rahmen des Projektes erklärten sich 6 Experten bereit, sich den Fragen über den Zeitgeist Osteuropas zu stellen. Die befragten Experten waren einstimmig der Meinung, dass die Teilung in Ost und West eher historisch und politisch als geografisch oder kulturell begründet sei, um von einem einheitlichen Raum Osteuropas zu sprechen. Unsere Experten betonen, dass vor allem politische Diskurse sowie die eurozentristische Weltsicht die Reproduktion ebensolcher Stereotype beeinflussen. Daraus folgt, dass solange die eurozentristische Perspektive nicht überwunden wird, der Osteuropa-Begriff in dieser Form existieren wird. Einige Experten erläutern vor allem die Ablehnung der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit, die in manchen Ostblock-Ländern als Okkupation gesehen wird. Der Begriff Osteuropa wird damit zum Symbol der Teilung Europas, der Unterdrückung, aber auch des Anders Seins.
Ländervergleich
Im Ländervergleich zeigt sich, dass die kulturelle Prägung eine große Rolle für die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Interviewpartner*innen spielt. Nicht selten kam der Gedanke auf, ob überhaupt die Rede von Osteuropäer*innen sein kann. Demnach verdeutlichen unsere Ergebnisse, wie unterschiedlich und divers der Bezug zu Osteuropa ist. Die divergenten Antworten zwischen Akademikern und Nichtakademikern zeigen, dass eine starke nationale Prägung der Identität in allen untersuchten Ländern vorhanden ist und diese im Vordergrund vor einer (west-), (mittel-), (ost-)europäischen Identität steht.